Mit Clarity entwickelt das Startup Audecius eine App, die Lernen, Aufgabenverwaltung und persönliche Organisation miteinander verbindet. Im Interview erklärt Gründer Moritz Zinecker, wie er Schülerinnen und Schüler mit digitalen Funktionen und künftig auch KI beim selbstständigen Lernen unterstützen möchte.
Moritz, kannst du dich und Audecius kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee entstanden ist, mit Clarity eine Anwendung zu entwickeln, die Lernen, Aufgaben und persönliche Organisation miteinander verbindet?
Ich bin Moritz Zinecker, Gründer und Geschäftsführer von Audecius in Nieder-Olm. Clarity entwickle ich als Solo-Gründer. Die Idee ist eng mit meinem eigenen Bildungsweg verbunden: Ich habe einen Schulabschluss in Deutschland gemacht, während eines Auslandsjahres in den USA einen Highschool-Abschluss erworben und ein Studium an Stanford begonnen. Außerdem sind beide meine Eltern Lehrkräfte.
Dadurch habe ich unterschiedliche Bildungssysteme und viele Perspektiven auf Schule, Lernen und Organisation kennengelernt. Ich konnte Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und sehen, wie unterschiedlich Menschen ihren Alltag bewältigen. Aus diesen Erfahrungen sind Clarity und Audecius entstanden. Mit Clarity möchte ich Lernen, Aufgaben und persönliche Planung so verbinden, dass Menschen im Alltag leichter ins Handeln kommen.
Mit Clarity möchtest du Kalender, Aufgabenverwaltung und Lernfunktionen in einer einzigen App zusammenführen. Welches konkrete Problem möchtest du damit lösen und welche Vision verfolgst du langfristig mit Audecius?
Ein Prüfungstermin sagt, bis wann etwas gelernt sein sollte. Eine Aufgabenliste zeigt, was noch offen ist. Dazwischen liegt häufig die entscheidende Frage: Womit beginne ich heute, und wie viel Zeit kann ich dafür realistisch einplanen? Genau diesen Übergang bearbeitet Clarity.
Lernstoff, Aufgaben und Planung sollen zusammenpassen. Wer eine Lerneinheit bearbeitet, soll anschließend leichter entscheiden können, was als Nächstes sinnvoll ist. Langfristig möchte ich mit Audecius eine Umgebung schaffen, die Menschen beim Lernen und Organisieren verlässlich begleitet. KI soll dabei helfen, Zusammenhänge verständlich zu machen und passende nächste Schritte vorzubereiten. Die Entscheidungen sollen nachvollziehbar bleiben und in der Hand der Nutzer liegen.
Viele Menschen nutzen bereits unterschiedliche Apps, um ihren Alltag zu organisieren und Lernziele zu verfolgen. Was unterscheidet Clarity von bestehenden Lösungen und welchen Mehrwert bietet die Verbindung von Zeitmanagement und Lernen?
Der Ansatz liegt in den Übergängen zwischen den einzelnen Tätigkeiten. Nehmen wir einen Nachmittag vor einer Mathematikarbeit: Eine Aufgabe ist notiert, Material liegt bereit, im Kalender ist noch eine halbe Stunde frei. Clarity soll diese Informationen so zusammenführen, dass daraus ein konkreter Lernschritt werden kann.
Dazu gehören die fachliche Bearbeitung, ein passender Zeitrahmen und später die Entscheidung über weitere Übung. Die bereits veröffentlichte Schul-App liefert mit Kalender, Aufgaben, Karteikarten und Fokus-Timer eine Grundlage. Die nächste Generation soll diese Bereiche enger verbinden. Der angestrebte Mehrwert ist, beim Wechsel vom Organisieren ins Lernen weniger Zusammenhang selbst wiederherstellen zu müssen.
Ein wichtiger Bestandteil deines Produktkonzepts ist der KI-Assistent Ariadne. Welche Aufgaben soll Ariadne künftig übernehmen und wie kann künstliche Intelligenz dabei helfen, Lernprozesse individueller und effektiver zu gestalten?
Ariadne soll an der konkreten Situation ansetzen: an einer Aufgabe, ausgewähltem Material oder der Frage, wie sich ein Lernvorhaben in den Tag einfügt. Denkbar sind verständliche Erklärungen, Rückfragen und passende Übungsvorschläge, die auf die jeweilige Bearbeitung eingehen. So könnte Unterstützung dort beginnen, wo jemand tatsächlich festhängt.
Für diese Individualisierung ist entscheidend, welcher Kontext ausdrücklich zur Verfügung steht. Mehr persönliche Daten führen nicht automatisch zu besserer Hilfe. Zum Konzept gehören deshalb ausgewählte Quellen und nachvollziehbare Vorschläge. Bei unterstützten Änderungen soll die Person erkennen können, was passieren würde, und darüber entscheiden. Diese Rolle von Ariadne gehört zur Entwicklung der nächsten Clarity-Generation.
Anhand eines Lernbeispiels zu linearen Funktionen zeigst du, wie Aufgaben, Rückmeldungen und Reflexion miteinander verbunden werden können. Wie funktioniert dieses Konzept konkret und welche pädagogischen Überlegungen stehen dahinter?
Ein Beispiel ist die Lerneinheit „Steigung aus Kontexten lesen“. Darin geht es unter anderem um einen Tank und die Frage, was b = 120 bedeutet. Die passende Antwort lautet: Zu Beginn sind 120 Liter im Tank. Der Hinweis „Setze t = 0“ führt zur Begründung und hilft, Anfangswert und Änderungsrate auseinanderzuhalten.
Die Lerneinheit verbindet solche Aufgaben mit Rückmeldungen und offener Reflexion. Pädagogisch steckt dahinter der Gedanke des selbstregulierten Lernens: eine Aufgabe bearbeiten, den eigenen Stand einordnen und den nächsten Schritt wählen. Die Verbindung mit der Planung soll helfen, für diesen Schritt auch Zeit zu finden. Das ist ein Gestaltungsansatz, dessen Nutzen im Lernalltag erprobt werden muss.
Audecius befindet sich noch in einer frühen Entwicklungsphase. Welche Funktionen sind im bisherigen Prototyp bereits umgesetzt, welche befinden sich noch in der Planung und welche technischen Herausforderungen musst du bis zur Marktreife bewältigen?
Hier sind zwei Entwicklungsstände wichtig. Clarity School ist mit Version 1.1 bereits im App Store. Die veröffentlichte Beschreibung nennt unter anderem Kalender, Hausaufgaben, Projekte, Noten, Karteikarten und einen Fokus-Timer. Clarity 2 ist die nächste Generation in Entwicklung.
Der Lernprototyp enthält konkrete Aufgaben, Hinweise und Reflexion, etwa zu linearen Funktionen. Weiterentwickelt werden die Verbindung von Lernen und Planung sowie die kontextbezogene Unterstützung durch Ariadne. Weitere Ideen, etwa Vorschläge zu den Folgen einer Terminverschiebung, sind als Vorschau eingeordnet. Bis zur Veröffentlichung müssen die Übergänge verständlich, Datenstände konsistent und die verschiedenen Funktionen im Zusammenspiel verlässlich sein. Ein konkreter Veröffentlichungstag ist noch nicht bestätigt.
Mit Clarity bewegst du dich an der Schnittstelle zwischen Bildungstechnologie und Produktivitätssoftware. Welche Zielgruppen möchtest du zunächst erreichen und wie unterscheiden sich deren Anforderungen an eine solche Anwendung?
Unsere wichtigste Zielgruppe sind Schülerinnen und Schüler. Sie müssen Unterricht, Hausaufgaben, Prüfungsvorbereitung und Freizeit miteinander vereinbaren. Für sie zählen ein einfacher Einstieg, ein übersichtlicher Lernalltag und ein Preis, der auch mit einem kleinen Budget erreichbar ist.
Darüber hinaus richtet sich Clarity an Eltern, Austauschschüler, Lehrkräfte und Menschen, die ihren Alltag besser organisieren möchten. Die Anforderungen unterscheiden sich: Familien brauchen Abstimmung und bewusste Freigaben, Austauschschüler Orientierung zwischen Schule, Sprache und einem neuen Umfeld. Lehrkräfte benötigen fachlich prüfbare Inhalte und klare Zuständigkeiten. Clarity soll diese unterschiedlichen Bedürfnisse in passenden Arbeitsbereichen aufgreifen, ohne den persönlichen Alltag aus dem Blick zu verlieren.
Du hast Audecius im August 2026 als Solo-Gründer ins Leben gerufen, nachdem bereits im Juni ein erster funktionsfähiger Prototyp entstanden war. Wie verlief dieser Weg von der ersten Idee zur Unternehmensgründung und welche Herausforderungen bringt es mit sich, Produktentwicklung und Unternehmensaufbau allein zu verantworten?
Im Juni lag bereits eine fertige Beta der nächsten Appgeneration vor, an deren Veröffentlichung ich heute arbeite. Darauf bezieht sich die Juni-Angabe. Die frühere Clarity School ist bereits im App Store veröffentlicht. Parallel zur Entwicklung liefen die Vorbereitungen und die Anmeldung des Unternehmens; im August 2026 habe ich Audecius gegründet.
Die größte Herausforderung als Solo-Gründer ist die Breite der Aufgaben. Ich arbeite mich in sehr viele Themen ein, betreue mehrere Bereiche gleichzeitig und mache vieles zum ersten Mal. Dazu kommt der Umfang des Projekts selbst. Produktentwicklung und Unternehmensaufbau laufen parallel. Das verlangt, den Überblick zu behalten und immer wieder zu entscheiden, was als Nächstes wichtig ist.
Gerade bei KI-gestützten Lernanwendungen spielen die Qualität der Ergebnisse und der verantwortungsvolle Umgang mit persönlichen Daten eine wichtige Rolle. Wie möchtest du sicherstellen, dass Clarity zuverlässige Unterstützung bietet und gleichzeitig Datenschutz und Nutzervertrauen gewährleistet?
Bei der veröffentlichten Schul-App beschreibt der App-Store-Eintrag eine lokale Speicherung ohne notwendiges Konto. Die für die nächste Generation geplanten Konto-, Cloud- und KI-Funktionen bringen eigene Datenwege mit sich. Für diese Erweiterungen soll nachvollziehbar sein, welche Informationen für welchen Zweck verwendet werden und was eine Person freigibt.
Zur Qualität gehört ebenso, die Grenzen von KI sichtbar zu machen. Generierte Erklärungen und Aufgaben können Fehler enthalten und müssen fachlich überprüfbar bleiben. Pädagogische Entscheidungen gehören in die Verantwortung von Menschen. Das Ziel ist eine Unterstützung, deren Hinweise, Quellen und Handlungsspielräume verständlich sind. Vertrauen muss sich in der tatsächlichen Nutzung bewähren, gerade wenn die Anwendung im schulischen Umfeld eingesetzt werden soll.
Der Markt für Lern- und Produktivitätsapps ist bereits von etablierten Anbietern geprägt. Wie möchtest du Clarity in diesem Wettbewerbsumfeld positionieren und welche Strategie verfolgst du, um erste Nutzer zu gewinnen und deren Rückmeldungen in die Entwicklung einzubeziehen?
Wir positionieren Clarity an der Verbindung von Lernen und persönlicher Organisation. Der Nutzen soll an konkreten Alltagssituationen erkennbar werden: eine Hausaufgabe festhalten, Lernzeit finden und anschließend mit dem passenden Material arbeiten. Der kostenlose Einstieg ist dabei besonders für Schülerinnen und Schüler wichtig. Sie können Clarity kennenlernen und selbst beurteilen, ob es ihnen hilft.
Rückmeldungen erhalten wir über unseren eigenen Support, Bewertungen im App Store und unsere Website. Für die Weiterentwicklung zählt, an welchen Stellen Menschen tatsächlich Schwierigkeiten haben und welche Funktionen ihnen im Alltag fehlen. Solche Rückmeldungen sollen helfen, Prioritäten zu setzen und Clarity entlang der tatsächlichen Nutzung weiterzuentwickeln.
Neben der technischen Umsetzung ist auch ein tragfähiges Geschäftsmodell entscheidend. Wie planst du die Finanzierung von Audecius, welche Möglichkeiten zur Monetarisierung siehst du für Clarity und kommt für dich langfristig auch externes Kapital infrage?
Unser Geschäftsmodell richtet sich besonders an Schülerinnen und Schüler. Sie sollen Clarity kostenlos im Alltag nutzen können. Wenn sie mit dem Produkt zufrieden sind und mehr Speicher, zusätzliche Leistung, höhere KI- oder Funktionslimits beziehungsweise Pro-Funktionen benötigen, ist für Lernende mit bestätigter Berechtigung ein Plus-Upgrade für 4,99 Euro im Monat vorgesehen. Die Entscheidung für ein kostenpflichtiges Angebot soll aus dem erlebten Nutzen entstehen.
Dieses Modell gehört zur nächsten Appgeneration und soll eine Grundlage für den langfristigen Betrieb und die Weiterentwicklung schaffen. Für externes Kapital und Investoren sind wir sehr offen. Eine Finanzierung kann uns dabei helfen, die Entwicklung voranzutreiben und die nächsten Schritte beim Aufbau von Audecius zu ermöglichen.
Wenn du fünf Jahre in die Zukunft blickst: Welche Ziele möchtest du mit Audecius erreichen, wie soll sich Clarity weiterentwickeln und welchen Beitrag möchtest du zur Zukunft des digitalen Lernens leisten?
In fünf Jahren soll Clarity die größte App für Organisation und Lernen in Deutschland sein und auch international viele Menschen erreichen. Darüber hinaus möchte ich Audecius im Bereich Auslandsjahr und internationaler Austausch fest etablieren.
Ein weiteres langfristiges Ziel ist, zu einem wichtigen Anbieter für die digitale Sicherheit von Kindern im Netz zu werden. Im schulischen Lernen wollen wir eine Vorreiterrolle dabei einnehmen, KI sinnvoll und wirksam einzusetzen. Clarity soll Lernende dabei unterstützen, Inhalte zu verstehen, eigenständig zu arbeiten und ihren Lernalltag zu organisieren. Diese Ziele geben die Richtung vor. Entscheidend ist, daraus Schritt für Schritt Produkte zu entwickeln, die sich im Alltag bewähren.
Foto: Moritz Zinecker
Wir bedanken uns bei Moritz Zinecker für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.















