Avygeo verbindet eine internationale Community für Reiseerfahrungen mit einem besonderen Geschäftsmodell, bei dem Mitglieder durch ihre Beiträge Spenden für gemeinnützige Vereine ermöglichen.
Nabil, kannst du dich und Avygeo kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee entstanden ist, einen digitalen Reiseführer mit einem Spendenmodell zu verbinden?
Ich bin Nabil Haouili, Gründer von Avygeo. Vorher war ich als Angestellter im digitalen Marketing tätig. Avygeo ist ein Community-Reiseführer: Redaktionelle Guides stellen Reiseziele und Aktivitäten vor, und Reisende teilen ihre Erfahrungen in Artikeln, Bewertungen, Fotos und Videos. Der Name ist übrigens ein Anagramm von „Voyage“, dem französischen Wort für Reise. Einen einzelnen Auslöser gab es nicht, eher eine Überzeugung, die über die Jahre gewachsen ist: Die Empfehlung eines Menschen, dem man vertraut, wiegt immer mehr als eine Flut anonymer Bewertungen. Wer seine Erfahrungen teilt, schafft also echten Wert, für andere Reisende und für die Plattform. Ich wollte, dass ein Teil dieses Werts an Vereine zurückfließt, ohne dass dafür jemand seine Bankkarte zücken muss. Gestartet sind wir zu zweit mit rund zehn Freelancern. Heute führe ich Avygeo allein, weiterhin mit diesem Freelancer-Team.
Avygeo gibt es bereits seit 2015. Welches Problem wolltest du ursprünglich lösen und wie hat sich deine Vision seit der Gründung verändert?
Die Website ist 2014 online gegangen, das Spendenmodell gibt es seit 2015. Die Ausgangsfrage war: Wie entscheidet man, wohin man reist und was man vor Ort unternimmt, und zwar einfach und auf Basis der Empfehlungen von Menschen, denen man vertraut? Was sich verändert hat, ist mein Blick auf das Unternehmertum. Eine Idee macht vielleicht zehn Prozent des Erfolgs aus, die Umsetzung die restlichen neunzig. Man muss sich ständig an neue Nutzungsgewohnheiten anpassen: Mobile, Video, der Kampf um Aufmerksamkeit, immer intuitivere Nutzerwege. Etwas zugespitzt: 2015 musste ein Nutzer in 15 Sekunden verstehen, was eine Website ihm bringt. 2026 hat man dafür drei Sekunden, sonst ist er weg.
Bei Avygeo können Mitglieder mit Reiseberichten, Bewertungen, Fotos und Videos Spenden für Vereine erwirtschaften. Wie funktioniert dieses Prinzip konkret und welchen Mehrwert bietet es sowohl Reisenden als auch gemeinnützigen Organisationen?
Ein Mitglied wählt unter unseren 25 Partnervereinen diejenigen aus, für die es Pate werden möchte. Dann veröffentlicht es, was es auf Reisen erlebt hat. Jedes Like, jeder Kommentar und jeder neue Follower bringt Punkte, die auf seine Vereine verteilt werden. Am Jahresende verteilen wir den Spendentopf im Verhältnis zu diesen Punkten. Reisende erhalten Anerkennung für ihre Inhalte und wissen, dass ihre Beiträge etwas Konkretes bewirken. Die Vereine bekommen Spenden und Sichtbarkeit, ohne dafür zu zahlen: Ihre Präsentation auf Avygeo ist kostenlos. Heute unterstützen über 600 aktive Mitglieder mindestens einen Verein, allein Handicap International zählt mehr als 300 Paten.
Anders als bei klassischen Spendenplattformen müssen eure Mitglieder kein eigenes Geld einsetzen. Woher stammen die Mittel für die Spenden und nach welchen Kriterien wird entschieden, welcher Verein welchen Betrag erhält?
Der Spendentopf wird aus unseren Einnahmen finanziert: Werbung und Partnerschaften mit Reisebüros, Mietwagenanbietern und anderen Reiseanbietern. Je mehr hochwertige Inhalte die Community veröffentlicht, desto größer wird unsere Reichweite und desto höher sind diese Einnahmen. Der Topf wächst im Laufe des Jahres in Stufen, abhängig von der Gesamtzahl der gesammelten Punkte, und der aktuelle Stand ist jederzeit auf unserer Website zu sehen. Über die Verteilung entscheidet die Community: Jeder Verein erhält einen Anteil, der den Punkten seiner Paten entspricht. Aufgenommen werden offiziell eingetragene Vereine, die sich für nachhaltige Entwicklung, internationale Solidarität oder ein gutes Miteinander einsetzen. Jeder Verein kann sich online bewerben.
Die Aktivität der Community bestimmt die Verteilung der Spendengelder. Wie stellt ihr sicher, dass dieses System transparent und fair funktioniert und nicht durch künstlich erzeugte Aktivitäten manipuliert werden kann?
Transparenz ist die Basis: Auf unserer Website sind der aktuelle Stand des Spendentopfs, die gesammelten Punkte, die Zahl der Paten jedes Vereins und die aktivsten Mitglieder des Monats öffentlich einsehbar. Gegen künstlich erzeugte Aktivität setzen wir verschiedene Kontrollmethoden ein. Aus naheliegenden Gründen bleiben die Details vertraulich: Ein Kontrollsystem, dessen Regeln öffentlich sind, lässt sich leichter umgehen.
Der Markt für Reiseportale und Bewertungsplattformen wird von großen internationalen Anbietern geprägt. Was unterscheidet Avygeo von etablierten Plattformen und warum sollten Reisende ihre Erfahrungen gerade bei euch teilen?
Auf den großen Plattformen schreibt man für einen Algorithmus. Bei Avygeo hat jeder Beitrag eine zweite Wirkung: Er finanziert Vereine, die das Mitglied selbst ausgewählt hat. Wir nehmen weder von unseren Mitgliedern noch von den Vereinen Geld. Ein vergleichbares Modell haben wir sonst nirgendwo gesehen. Hinzu kommt eine Community auf menschlicher Ebene, in der Beiträge gelesen, kommentiert und geschätzt werden. Und seit diesem Jahr wird jeder Beitrag in sechs Sprachen gelesen.
Eine Community-Plattform lebt von der Qualität und Glaubwürdigkeit ihrer Inhalte. Wie überprüft ihr Reiseberichte und Bewertungen und wie geht ihr mit falschen Informationen oder möglichen Interessenkonflikten um?
Die meisten Inhalte werden nach der Veröffentlichung geprüft. So können die Mitglieder sofort mit der Community in Kontakt treten, und unangemessene oder falsche Inhalte werden anschließend korrigiert oder entfernt. Auch Profis wie Unterkünfte oder Anbieter von Aktivitäten dürfen eigene Inhalte veröffentlichen, Fragen beantworten und auf Bewertungen reagieren. Das gehört für uns zu einem offenen Austausch. Unser Modell hilft zusätzlich: Punkte gibt es nur, wenn andere Mitglieder einen Beitrag schätzen. Inhalte, die nur der Eigenwerbung dienen, bringen also wenig.
Nach mehr als zehn Jahren in Frankreich expandiert Avygeo nun international und bietet Inhalte in sechs Sprachen an. Warum habt ihr euch gerade jetzt für diesen Schritt entschieden und welche Herausforderungen bringt die mehrsprachige Plattform mit sich?
Bisher konnten nur Französischsprachige veröffentlichen und Spenden sammeln, und mehrere unserer Partnervereine haben ihren Sitz außerhalb Frankreichs, waren aber für ein internationales Publikum unsichtbar. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Moderne Werkzeuge ermöglichen heute Übersetzungen, die Geschwindigkeit, Qualität und kontrollierte Kosten verbinden. Vor einigen Jahren war das für eine Plattform unserer Größe nicht machbar. Die größte Herausforderung ist nicht die Technik, sondern die Community: In jedem Land müssen wir die ersten Reisenden gewinnen, die Lust haben, ihre Erfahrungen zu teilen.
Auch die von Mitgliedern verfassten Reiseberichte werden übersetzt. Welche Technologien setzt ihr dafür ein und wie stellt ihr sicher, dass persönliche Erfahrungen und kulturelle Besonderheiten bei der Übersetzung erhalten bleiben?
Wir kombinieren Large Language Models mit menschlicher Prüfung. Die KI liefert eine schnelle und natürliche Übersetzung, die menschliche Kontrolle sichert Ton und Feinheiten. Außerdem bleibt die Originalfassung jedes Beitrags mit einem Klick abrufbar. Wer wissen will, wie ein Mitglied etwas genau formuliert hat, kann jederzeit nachlesen.
Avygeo verbindet wirtschaftliche Interessen mit gesellschaftlichem Engagement. Wie hat sich das Geschäftsmodell seit 2015 entwickelt und welche konkreten Ergebnisse konntet ihr bisher bei Nutzerzahlen, Einnahmen und ausgeschütteten Spenden erzielen?
Das Modell ist ein Kreislauf: Spenden belohnen die Mitglieder, ihre Inhalte bringen Reichweite, die Reichweite steigert die Einnahmen, und die Einnahmen speisen den Spendentopf. Heute zählt Avygeo über 150.000 Besuche pro Monat, mehr als 25.000 Mitglieder und Newsletter-Abonnenten sowie über 20.000 Beiträge von Reisenden. 25 Partnervereine sind dabei, darunter Handicap International. Seit 2015 haben wir über 10.000 Euro an Vereine ausgeschüttet, 2025 waren es 700 Euro, und der Spendentopf 2026 liegt bereits darüber. Unseren Umsatz veröffentlichen wir nicht, aber 2025 war unser erstes profitables Jahr. Die Spenden haben wir also auch in den Jahren ausgezahlt, in denen wir noch keinen Gewinn gemacht haben.
Mit der internationalen Expansion möchtet ihr neue Reise-Communities erreichen. Welche Märkte sind für euch besonders interessant und welche Ziele verfolgt ihr mit Avygeo in den kommenden Jahren?
Neben Frankreich konzentrieren wir uns auf Deutschland, die Benelux-Länder, Italien, Spanien und Nordamerika. Unser Ziel ist es, den Umsatz innerhalb von drei Jahren gegenüber 2025 zu verzwanzigfachen. Das mag ehrgeizig klingen, aber wir richten uns jetzt an einen Markt, der um ein Vielfaches größer ist als Frankreich allein. Und mit dem Umsatz wächst auch der Spendentopf für die Vereine.
Wenn du auf mehr als zehn Jahre Unternehmertum zurückblickst, welche Erfahrungen haben dich am stärksten geprägt und welche drei Ratschläge würdest du anderen Gründerinnen und Gründern geben, die ein digitales Geschäftsmodell mit gesellschaftlichem Mehrwert aufbauen möchten?
Am stärksten geprägt hat mich, wie undankbar die Anfänge sind: viel Arbeit, viele Tests, aus denen man lernt, die aber keine messbaren Ergebnisse bringen, und viele verschlossene Türen. Ohne Resilienz braucht man gar nicht erst anzufangen. Meine drei Ratschläge:
- Baut den gesellschaftlichen Mehrwert in das Geschäftsmodell ein, nicht daneben. Bei Avygeo wächst der Spendentopf mit der Reichweite, deshalb ziehen alle am gleichen Strang.
- Seid radikal transparent. Wer mit Spenden arbeitet, muss jederzeit zeigen können, wohin das Geld fließt.
- Plant langfristig. Eine Community aufzubauen braucht Jahre, aber was über Jahre gewachsen ist, lässt sich nur schwer kopieren.
Fotocredits: Avygeo
Wir bedanken uns bei Nabil Haouili für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.
Premium Start-up: Avygeo

Kontakt:
AVYGEO
131 boulevard Pereire
75017 Paris
Frankreich
www.avygeo.com/de/
nabil@avygeo.com
Ansprechpartner: Nabil Haouili
Gründer
















