Donnerstag, November 5, 2026
StartInterviewsGegen Einsamkeit: Plattform happy hours verbindet Kurse mit Freundschaftssuche

Gegen Einsamkeit: Plattform happy hours verbindet Kurse mit Freundschaftssuche

Mit happy hours entsteht eine Plattform, auf der Nutzer lokale Kurse entdecken, gemeinsame Erlebnisse buchen und neue Freundschaften schließen können.

Anna-Luisa und Hamdi, könnt ihr euch und das Gründerteam hinter happy hours kurz vorstellen und erzählen, wie aus euren eigenen Erfahrungen bei der Suche nach neuen Freundschaften die Idee für eine gemeinsame Plattform entstanden ist?

Wir sind zu dritt. Anna-Luisa ist 24, kommt aus Bonn, hat ihren Bachelor abgeschlossen und macht gerade ihren Master. Ich bin 27, komme aus Euskirchen und habe meinen Bachelor und Master abgeschlossen. Unser dritter Mitgründer ist 24, kommt aus dem Emsland und hat nach einer Ausbildung seinen Bachelor gemacht. Anna-Luisa und ich sind schon seit vielen Jahren befreundet. Unseren dritten Mitgründer habe ich auf einer Hochschulfeier kennengelernt, und es hat sofort gepasst.

Die Idee ist ganz unspektakulär beim Kochen entstanden. Wir standen mit einem Freund in der Küche, und ich habe tunesisch gekocht, das sind meine Wurzeln. Anna-Luisa hat irgendwann gefragt, warum ich das nicht mal als Kurs anbiete. Darüber haben wir weitergesprochen und gemerkt: Es gibt so viele Menschen, die etwas können und teilen wollen, und so viele, die Lust auf genau so einen Abend hätten, aber nicht wissen, wo sie ihn finden oder mit wem sie hingehen sollen. Aus dieser Frage ist happy hours entstanden.

Viele junge Erwachsene sind digital bestens vernetzt und fühlen sich dennoch einsam. Welche persönlichen Beobachtungen haben euch dazu bewegt, dieses gesellschaftliche Problem unternehmerisch anzugehen, und welche Rolle spielt dabei eure eigene Gründungsgeschichte?

Wir sind alle drei fürs Studium in neue Städte gezogen. An der Uni haben wir einige Freunde gefunden, außerhalb aber kaum. Es war schwer, Menschen mit denselben Interessen zu finden, und wir hatten noch Glück: Viele junge Erwachsene haben gar keine Uni oder Hochschule, über die sie Leute kennenlernen. Sie arbeiten den ganzen Tag und haben kaum eine Gelegenheit, auf natürliche Weise neue Menschen zu treffen. Laut Bertelsmann Stiftung fühlen sich 46 Prozent der 16- bis 30-Jährigen in Deutschland zumindest teilweise einsam.

Was mich am meisten beschäftigt hat: Fast niemand spricht darüber, obwohl so viele betroffen sind. Einsamkeit klingt nach etwas, das man sich nicht eingestehen will. Wir wollten deshalb kein weiteres Hilfsangebot bauen, sondern etwas, worauf man einfach Lust hat. Niemand muss sagen „Ich bin einsam“, um bei uns einen Kochkurs zu buchen. Die neuen Kontakte entstehen dann ganz nebenbei, dadurch, dass wir fremde Menschen mit gleichen Interessen zusammenbringen.

Mit happy hours verbindet ihr lokale Workshops, Weinproben und andere Erlebnisse mit der Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen. Wie funktioniert eure Plattform konkret und was unterscheidet sie von klassischen Buchungsportalen oder Apps zum Kennenlernen?

Teilnehmende finden auf der Webseite Kurse und Erlebnisse in ihrer Stadt und buchen in drei Schritten: registrieren, Kurs finden, Platz buchen. Nachdem ein Kurs stattgefunden hat, eröffnen wir automatisch eine Gruppe, in der sich die Teilnehmenden weiter austauschen können. Ist man spontan verhindert, kann man seinen Platz an eine andere Person übertragen oder bis 48 Stunden vor Kursbeginn auf einen anderen Termin umbuchen.

Von klassischen Buchungsportalen unterscheiden wir uns vor allem durch den sozialen Gedanken: Bei uns geht es darum, Alleinsein zu bekämpfen, Gleichgesinnte zu finden und sein Hobby mit anderen zu teilen. Markierungen wie „Girls only“ oder „LGBTQIA+ friendly“ helfen dabei, das passende Umfeld zu finden. Wir wollen eine Plattform sein, auf der alle Menschen willkommen sind, unabhängig von Kultur, Herkunft oder sexueller Orientierung. Von Kennenlern-Apps unterscheiden wir uns dadurch, dass man sich nicht zum Kennenlernen verabredet, sondern über eine gemeinsame Aktivität ganz natürlich ins Gespräch kommt.

Auch für Kursanbieter:innen ist unser Modell anders. Wir verstehen uns als B2B2C-Plattform: Die Registrierung ist kostenlos, es gibt keine Fixkosten, und Gebühren fallen nur an, wenn tatsächlich gebucht wird. Außerdem optimieren wir die Kursseiten automatisch für Suchmaschinen, damit die Angebote bei Google besser gefunden werden. Auf Wunsch pflegen wir die Inserate auch für die Anbieter:innen ein. Damit nehmen wir kleinen Anbieter:innen einen großen Teil der Arbeit für ihre Sichtbarkeit ab.

Ihr möchtet erreichen, dass aus einer gemeinsamen Aktivität echte Freundschaften entstehen können. Warum setzt ihr bewusst auf gemeinsame Erlebnisse statt auf reine Kontaktvermittlung und welche Vorteile seht ihr in diesem Ansatz?

Weil Freundschaften selten entstehen, wenn man sie sucht, sondern meistens nebenbei. Wenn zwei Leute zusammen an einer Töpferscheibe scheitern, haben sie sofort ein Gesprächsthema und lachen über dasselbe. Die gemeinsame Aktivität dient als Eisbrecher zwischen Menschen, die sich vorher nicht kannten. Der Druck ist raus, weil niemand „auf Freundessuche“ ist, sondern einfach etwas Schönes macht. Ein zweiter Vorteil: Selbst wenn an einem Abend keine neue Freundschaft entsteht, hatte man trotzdem eine gute Zeit und hat etwas Neues gelernt.

Markierungen wie „Für Introvertierte“ oder „LGBTQIA+ friendly“ sollen Nutzern helfen, passende Angebote zu finden. Wie entwickelt ihr diese Kategorien und wie stellt ihr sicher, dass sich auch zurückhaltende Personen bei euren Veranstaltungen wohlfühlen?

Die Markierungen sind aus Gesprächen mit unserer Zielgruppe entstanden. Viele haben uns gesagt, dass sie nicht wissen, was sie bei einem Kurs erwartet, und deshalb lieber gar nicht hingehen. Die Anbieter:innen wählen die Markierungen beim Anlegen eines Kurses aus, und wir passen die Liste laufend an, wenn neue Wünsche aufkommen. Unsere Markierung „Ruhige Atmosphäre“ bedeutet zum Beispiel kleinere Gruppen, ein ruhiges Umfeld und keinen Zwang, sich vor allen vorzustellen. Bei unseren eigenen Events achten wir darauf, dass es klare Abläufe und Gesprächsimpulse gibt, damit niemand allein am Rand steht.

Nach einem Kurs können die Teilnehmer über einen gemeinsamen Chat in Verbindung bleiben. Welche Bedeutung hat diese Funktion für euer Konzept und wie möchtet ihr herausfinden, ob aus einmaligen Begegnungen tatsächlich längerfristige Kontakte entstehen?

Der Chat ist für uns das Herzstück. Nach einem guten Abend nach der Nummer zu fragen, kostet Überwindung. Im Gruppenchat passiert das ganz natürlich: Jemand schickt ein Foto vom fertigen Teller, jemand fragt, wer nächste Woche wieder mitkommt. Ob daraus längerfristige Kontakte werden, sehen wir zum Beispiel daran, wie aktiv ein Chat nach einigen Wochen noch ist und wie viele Teilnehmende gemeinsam einen weiteren Kurs buchen. Außerdem stehen wir mit unserer Community regelmäßig im direkten Austausch.

Neben den Angeboten externer Kursveranstalter organisiert ihr eigene Formate wie Speed Friending. Wie läuft ein solches Event ab, welche Erfahrungen habt ihr damit bisher gesammelt und welche weiteren Veranstaltungsformate könnt ihr euch vorstellen?

Für diese Formate arbeiten wir mit Cafés in Köln und Umgebung zusammen. Die Cafés stellen uns ihre Räume für unsere Events zur Verfügung und profitieren im Gegenzug von zusätzlichen Gästen, dem Verzehr vor Ort und Social-Media-Content.

Beim Speed Friending treffen wir uns in einem Café, zuletzt zum Beispiel bei Underdog Espresso in Köln. Man sitzt sich zu zweit oder in kleinen Gruppen gegenüber, zieht Karten mit Gesprächsfragen und hat ein paar Minuten Zeit, dann wird gewechselt. Wichtig ist uns: Es geht nicht ums Dating, sondern ums Kennenlernen. Die Fragekarten nehmen den Druck raus, weil niemand überlegen muss, was er sagen soll. Vor dem Launch haben wir auch schon andere Formate getestet, etwa einen Walk & Talk im Café Daisy. Wir sind gespannt, welche Formate als Nächstes dazukommen.

happy hours soll auch kleineren Ateliers, Studios und Werkstätten helfen, neue Zielgruppen zu erreichen. Welche Herausforderungen haben lokale Kursanbieter bei der Vermarktung ihrer Angebote und wie unterstützt eure Plattform sie dabei?

Viele Anbieter:innen machen großartige Kurse, aber ihnen fehlt Zeit und Budget für Marketing. Social Media kostet Stunden, Werbung kostet Geld, und gerade junge Menschen erreicht man über klassische Wege kaum noch. Das Ergebnis sind freie Plätze, die eigentlich jemand gerne gebucht hätte. Bei uns legen sie ihren Kurs einmal an, und wir kümmern uns um Sichtbarkeit, Buchung, Bezahlung und Rechnung. Sie konzentrieren sich auf das, was sie am besten können: ihren Kurs.

Für Kursanbieter fallen keine Grundgebühren an, sondern lediglich Provisionen bei erfolgreichen Buchungen. Warum habt ihr euch für dieses Geschäftsmodell entschieden und wie stellt ihr sicher, dass es sowohl für eure Partner als auch für happy hours langfristig wirtschaftlich funktioniert?

Weil wir nur dann verdienen wollen, wenn unsere Partner auch verdienen. Gerade kleine Betriebe können sich kein Abo für eine Plattform leisten, bei der sie nicht wissen, ob sie etwas bringt. Bei uns tragen sie kein Risiko. Die Provision ist gestaffelt: Je höher der Umsatz pro Termin, desto geringer der Prozentsatz. So profitieren Anbieter:innen davon, wenn ihre Kurse voll werden. Für uns funktioniert das Modell über die Menge: viele Kurse, viele Buchungen, gute Auslastung. Und Buchungen sind bei uns verbindlich, sodass Anbieter:innen sicher planen können.

Beim Anlegen neuer Kurse unterstützt ein KI-Assistent die Anbieter. Welche Aufgaben übernimmt die künstliche Intelligenz konkret und wie wichtig ist eine möglichst einfache Bedienung, um auch kleinere Betriebe ohne große digitale Erfahrung für eure Plattform zu gewinnen?

Unser KI-Assistent heißt Hoppy. Er hilft Anbieter:innen dabei, ihr Angebot anzulegen, zum Beispiel beim Formulieren einer ansprechenden Kursbeschreibung, und beantwortet Fragen rund um die Plattform. So ist ein Kurs in wenigen Minuten online. Einfache Bedienung ist für uns entscheidend: Eine Töpferin, die seit zwanzig Jahren Kurse gibt, soll nicht erst Online-Marketing lernen müssen, um neue Teilnehmende zu finden. Wenn das Anlegen länger dauert als eine Kaffeepause, haben wir etwas falsch gemacht.

Seit dem 1. November ist happy hours in Nordrhein-Westfalen verfügbar. Welche Herausforderungen habt ihr beim Aufbau des Marktplatzes erlebt, wie möchtet ihr gleichzeitig genügend Teilnehmer und Kursanbieter gewinnen und welche nächsten Schritte plant ihr für die Expansion in weitere Bundesländer?

Die klassische Herausforderung jedes Marktplatzes ist das Henne-Ei-Problem: Ohne Kurse kommen keine Teilnehmenden, und ohne Teilnehmende melden sich keine Anbieter:innen an. Wir haben deshalb zuerst Anbieter:innen gewonnen und sie persönlich beim Start begleitet. Gleichzeitig bauen wir über eigene Events wie Speed Friending eine Community auf, die dann auch die Kurse bucht. Bevor wir in weitere Bundesländer gehen, wollen wir in Nordrhein-Westfalen zeigen, dass das Modell funktioniert. Danach kommen Städte mit vielen jungen Menschen und Zugezogenen in Frage, zum Beispiel Universitätsstädte.

Welche langfristige Vision verfolgt ihr mit happy hours und welche drei Ratschläge würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern geben, die aus einer persönlichen Erfahrung ein Unternehmen entwickeln und damit zugleich ein gesellschaftliches Problem angehen möchten?

Unsere Vision ist, dass niemand mehr allein zu Hause sitzt, weil er nicht weiß, wohin oder mit wem. Wenn jemand in eine neue Stadt zieht, soll happy hours der erste Ort sein, an dem er Anschluss findet. Langfristig wollen wir die Plattform werden, die echte Begegnungen in ganz Deutschland und unseren Nachbarländern möglich macht.

Anderen Gründerinnen und Gründern, die mit ihrem Produkt ein gesellschaftliches Problem lösen wollen, würden wir drei Dinge mitgeben:

  1. Fangt klein an und testet früh. Wir haben vor dem Launch mit einfachen Events wie einem Walk & Talk ausprobiert, ob Menschen überhaupt kommen.
  2. Baut etwas, worauf man Lust hat, nicht etwas, das man „braucht“. Niemand bucht gern ein Angebot gegen Einsamkeit, aber jeder bucht gern einen schönen Abend.
  3. Behaltet euer Warum im Blick. Gründen und das Erreichen der Zielgruppe sind an vielen Tagen anstrengend. Was uns trägt, ist der positive Einfluss, den unser Produkt haben kann, zum Beispiel, dass jemand bei uns seine erste Freundin oder seinen ersten Freund in einer neuen Stadt findet.

Fotocredits: happy hours

Wir bedanken uns bei Hamdi Krichi für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

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