Freitag, Juni 26, 2026
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Ausbildung.de im Interview: Wohin entwickelt sich der AzubiTech Markt?

Ausbildung.de analysiert den AzubiTech Markt und zeigt, wie Berufsorientierung datengetrieben wird

Wie hat sich Ausbildung.de von einer Plattform für Berufsorientierung zu einem Unternehmen entwickelt, das den AzubiTech Markt systematisch analysiert und begleitet?

Ausbildung.de ist ursprünglich mit einer sehr einfachen Frage gestartet: Wie helfen wir jungen Menschen dabei, den passenden Berufseinstieg zu finden? Je länger wir im Markt arbeiten, desto deutlicher wurde allerdings, dass Berufsorientierung und Recruiting nur die sichtbare Oberfläche sind. Hinter den Herausforderungen des Ausbildungsmarktes entsteht seit Jahren ein eigenes Technologie Ökosystem. Unternehmen suchen nach Lösungen für Recruiting, Employer Branding, Berufsorientierung, Ausbildungsmanagement, Lernerfolg oder Retention. Gleichzeitig entstehen immer mehr spezialisierte Anbieter, die genau diese Probleme adressieren.

Durch unsere Marktposition sehen wir diese Entwicklungen sehr früh. Wir arbeiten mit tausenden Unternehmen zusammen, begleiten jährlich Millionen junge Menschen bei der Berufsorientierung und verfügen über umfangreiche Markt und Nutzungsdaten. Daraus entstand der Wunsch, diesen Markt systematisch zu erfassen und sichtbar zu machen.

Die AzubiTech Landscape ist unser Ansatz, eine Branche zu kartografieren, die es vor wenigen Jahren in dieser Form noch gar nicht gab.

Wer steckt hinter Ausbildung.de, und welche Erfahrungen helfen Ihnen dabei, die Entwicklungen im Ausbildungsmarkt einzuordnen?

Ausbildung.de ist Deutschlands führender Marktplatz für Berufsorientierung und den digitalen Berufseinstieg. Jedes Jahr nutzen mehrere Millionen junge Menschen unsere Angebote, um Berufe kennenzulernen, Orientierung zu finden und passende Ausbildungsplätze zu entdecken.

Gleichzeitig arbeiten wir mit mehreren tausend Unternehmen zusammen vom Mittelstand bis zum Großkonzern. Dadurch sehen wir beide Seiten des Marktes: die Perspektive junger Menschen und die Herausforderungen der Arbeitgeber.

Besonders wertvoll sind dabei die Daten und Einblicke aus unserem Azubi.Report, unseren Plattformdaten und unseren Produktentwicklungen. Dadurch können wir Entwicklungen häufig beobachten, bevor sie sich in offiziellen Statistiken oder Studien zeigen.

Warum entsteht aus Ihrer Sicht gerade jetzt ein eigenständiger AzubiTech Markt, und welche Faktoren treiben diese Entwicklung besonders stark an?

Aus meiner Sicht treffen aktuell drei große Entwicklungen aufeinander.

Erstens die Demografie. Bis 2030 verlassen rund 6,5 Millionen Menschen den Arbeitsmarkt. Gleichzeitig bleiben schon heute jedes Jahr rund 54.000 Ausbildungsplätze unbesetzt.

Zweitens verändert sich das Verhalten junger Menschen. Berufsorientierung findet zunehmend digital statt. Erwartungen an Transparenz, Geschwindigkeit und Individualisierung steigen.

Und drittens wird Technologie leistungsfähiger. KI und Datenanalyse ermöglichen heute Lösungen, die vor wenigen Jahren technisch oder wirtschaftlich kaum denkbar gewesen wären.

Dadurch entsteht ein eigenständiger, hoch dynamischer Markt. Denn Unternehmen können es sich immer weniger leisten, Ausbildung als rein administrisches HR Thema zu betrachten. Ausbildung wird zunehmend zu einer strategischen Frage der Fachkräftesicherung.

Mit Ihrer Marktübersicht dokumentieren Sie ein starkes Wachstum in mehreren Bereichen. Welche Entwicklung hat Sie persönlich am meisten überrascht?

Am meisten überrascht hat mich, wie schnell sich rund um Ausbildung ein eigenständiges Technologie Ökosystem entwickelt hat. Als wir 2023 die erste AzubiTech Landscape veröffentlicht haben, wollten wir vor allem sichtbar machen, welche Anbieter und Lösungen es in diesem Markt überhaupt gibt. Heute sehen wir ein ganz anderes Bild: Im Recruiting Bereich ist die Zahl der Anbieter von 43 auf 94 gestiegen. Employer Branding hat sich von 17 auf 43 Player mehr als verdoppelt. Auch die Bereiche Retention (20 → 39) und Administration (11 → 18) wachsen deutlich.

Das Spannende daran ist aber nicht nur das Wachstum selbst, sondern die Richtung. Es entstehen zunehmend Lösungen für Matching, Passung, Ausbildungsmarketing, Lernbegleitung oder die Vermeidung von Ausbildungsabbrüchen. Daran lässt sich eine größere Entwicklung ablesen: Ausbildung wird zu einem Technologie und Datenmarkt. Besonders sichtbar wird das im Recruiting. Die dominante Frage lautet immer seltener: „Wie erreiche ich möglichst viele Bewerber?“ Sondern: „Wie erreiche ich die richtigen?“ Deshalb sehen wir immer mehr Lösungen, die Bewerberqualität, Cultural Fit, Conversion oder Berufsorientierung optimieren. Der Markt verschiebt sich von Quantität zu Qualität und genau das halte ich für die spannendste Entwicklung der letzten Jahre.

Recruiting bewegt sich folglich zunehmend weg von reiner Reichweite hin zu Passungslogiken. Welche Auswirkungen hat dieser Wandel auf Unternehmen und Bewerber?

Passung wird zum zentralen Erfolgsfaktor. Wir sprechen über unbesetzte Ausbildungsplätze. Gleichzeitig werden etwa 25 Prozent aller Ausbildungsverhältnisse vorzeitig gelöst. Beides sind unterschiedliche Ausprägungen desselben Problems: fehlende Passung.

Lange Zeit war die vorherrschende Logik im Recruiting: möglichst viele Menschen erreichen und möglichst viele Bewerbungen generieren. Das funktioniert in einem Markt mit knappen Talenten immer schlechter. Denn eine unbesetzte Stelle hilft Unternehmen nicht weiter. Eine besetzte Stelle, die nach wenigen Monaten wieder frei wird, allerdings auch nicht.

Deshalb verschiebt sich der Fokus zunehmend auf die Frage, wie bessere Entscheidungen entstehen können auf beiden Seiten. Für Unternehmen bedeutet das, realistischer zu zeigen, was ein Beruf tatsächlich beinhaltet. Für junge Menschen bedeutet es, ihre Interessen, Erwartungen und Fähigkeiten besser mit konkreten Berufsbildern abzugleichen.

Passung entsteht dabei nicht erst im Bewerbungsgespräch. Sie entsteht deutlich früher: durch Berufsorientierung, Praktika, Gespräche, Einblicke in den Arbeitsalltag und ein realistisches Erwartungsmanagement. Reichweite schafft Aufmerksamkeit. Passung schafft nachhaltige Ausbildungserfolge. Und angesichts der demografischen Entwicklung können wir es uns schlicht nicht leisten, Talente durch Fehlentscheidungen, Ausbildungsabbrüche oder schlechte Erwartungen zu verlieren.

Welche Rolle spielen Daten, KI und Plattformlogiken künftig bei der Berufsorientierung und der Suche nach passenden Ausbildungsplätzen?

Eine sehr große. Früher begann Berufsorientierung oft im Berufsinformationszentrum, in der Schule oder bei Google. Heute startet sie immer häufiger mit Fragen innerhalb eines Prompts. KI Systeme beantworten diese Fragen nicht nur. Sie strukturieren Möglichkeiten. Sie priorisieren Optionen und beeinflussen damit, welche Berufe und Unternehmen überhaupt sichtbar werden. Das macht Daten und Plattformlogiken zu einem relevanten Faktor für die Verteilung von Talenten im Arbeitsmarkt.

Gleichzeitig eröffnet KI enorme Chancen. Sie kann Orientierung personalisieren, Überforderung reduzieren und Jugendlichen helfen, Möglichkeiten zu entdecken, die sie sonst nie in Betracht gezogen hätten. Entscheidend wird sein, dass diese Systeme nicht nur Wahrscheinlichkeiten ausspielen, sondern echte Passung fördern.

Ausbildungsmarketing wird immer digitaler. Wie verändert dieser Trend die Anforderungen an Unternehmen, die junge Talente gewinnen möchten?

Unternehmen konkurrieren heute nicht mehr nur um Aufmerksamkeit, sondern um Relevanz.

Junge Menschen bewegen sich selbstverständlich auf TikTok, Instagram, YouTube oder zunehmend auch in KI gestützten Umgebungen. Dort gelten andere Regeln als auf klassischen Karriereseiten. Authentizität wird wichtiger als Hochglanz. Konkrete Einblicke wichtiger als Claims. Alltag wichtiger als Image.

Parallel verändert sich die Logik von Sichtbarkeit. Früher ging es vor allem darum, für bestimmte Keywords gefunden zu werden oder möglichst viel Reichweite aufzubauen. Wer heute ChatGPT fragt: „Welche Ausbildung passt zu mir?“, bekommt keine Liste von Stellenanzeigen, sondern eine Auswahl an Berufen, Optionen und Empfehlungen. Damit verschiebt sich der Wettbewerb. Unternehmen konkurrieren nicht mehr nur um Klicks, sondern um Relevanz in den Systemen, die Berufsentscheidungen vorstrukturieren.

Das hat direkte Auswirkungen auf Ausbildungsmarketing. Arbeitgeber müssen ihre Ausbildungsangebote so beschreiben, dass sie für Menschen verständlich und für KI Systeme interpretierbar werden. Konkrete Aufgaben, Entwicklungsmöglichkeiten, Arbeitsalltag, Perspektiven und Rahmenbedingungen gewinnen an Bedeutung.

Kurz gesagt: Ausbildungsmarketing entwickelt sich von der Frage „Wie werden wir gesehen?“ zur Frage „Wie werden wir verstanden?“. Und das ist ein fundamentaler Unterschied.

Ausbildung.de beobachtet auch den Bereich Retention sehr genau. Warum werden Themen wie Motivation, Lernerfolg und Ausbildungsabbrüche zunehmend datengetrieben betrachtet?

Weil Unternehmen erkennen, dass die eigentliche Herausforderung nicht mit der Einstellung endet. Wenn rund ein Viertel aller Ausbildungsverhältnisse vorzeitig gelöst werden, stehen dahinter hohe Kosten, verlorene Zeit und fehlende Fachkräfte. Deshalb verschiebt sich der Fokus zunehmend von der Frage „Wie gewinnen wir Azubis?“ hin zu „Wie halten wir sie erfolgreich in Ausbildung?“ Themen wie Motivation, Lernerfolg, Betreuung oder Ausbildungsqualität werden dadurch messbarer und strategischer. Retention entwickelt sich vom HR Nebenthema zu einem eigenständigen Marktsegment.

Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell für Unternehmen bei der Fachkräftesicherung, und wie können technologische Lösungen dabei helfen?

Die größte Herausforderung besteht aus meiner Sicht darin, dass viele Unternehmen Fachkräftesicherung noch immer ausschließlich als Recruiting Thema betrachten. Tatsächlich beginnt sie deutlich früher und endet deutlich später.

Sie beginnt bei der Frage, wie junge Menschen überhaupt auf Berufe aufmerksam werden. Sie setzt sich fort in der Berufsorientierung, im Recruiting, im Onboarding und schließlich in der Ausbildung selbst.

Genau deshalb sehen wir aktuell die Entstehung eines so breiten AzubiTech Marktes. Die verschiedenen Segmente adressieren letztlich unterschiedliche Stellen derselben Wertschöpfungskette: Employer Branding schafft Sichtbarkeit. Recruiting Lösungen verbessern Matching und Conversion. Retention Lösungen unterstützen Motivation, Lernerfolg und Ausbildungsqualität. Administrative Lösungen reduzieren Komplexität im Alltag.

Die eigentliche Herausforderung liegt darin, diese Schritte nicht isoliert zu betrachten. Denn eine unbesetzte Stelle, eine Fehlentscheidung bei der Berufswahl oder ein Ausbildungsabbruch haben am Ende denselben Effekt: Es fehlt eine Fachkraft.

Technologie kann dabei helfen, diese Kette besser zu verbinden. Sie schafft Transparenz über Daten, unterstützt Orientierung, verbessert Entscheidungen und macht Probleme früher sichtbar. Der entscheidende Punkt ist aber: Technologie ersetzt keine Fachkräftestrategie. Sie macht gute Strategien wirksamer.

Die Unternehmen, die in den kommenden Jahren erfolgreich sein werden, betrachten Ausbildung deshalb nicht mehr als einzelne Recruiting Maßnahme, sondern als integrierten Prozess von Orientierung, Gewinnung, Entwicklung und Bindung.

Was unterscheidet Ausbildung.de von anderen Akteuren, die sich mit Ausbildung, Recruiting oder Employer Branding beschäftigen?

Wir betrachten Ausbildung als Zukunftsfrage für junge Menschen, für Unternehmen und für den Wirtschaftsstandort insgesamt. Uns interessiert die Frage, wie junge Menschen und Unternehmen überhaupt zueinanderfinden und warum das trotz tausender offener Stellen oft nicht gelingt.

Deshalb verstehen wir Ausbildung.de heute nicht mehr nur als Plattform oder Jobbörse. Wir entwickeln uns zunehmend zu einer KI gestützten Guidance und Matching Infrastruktur für den Ausbildungsmarkt. Unser Ziel ist es, Orientierung, Entscheidung und Matching besser zu machen. Ein Beispiel dafür ist Abby, unsere KI gestützte Berufsorientierung, die junge Menschen von einer ersten unscharfen Frage bis zu konkreten Berufsbildern und passenden Ausbildungsplätzen begleitet.

Wenn Sie auf die kommenden Jahre blicken: Welche Entwicklungen werden den AzubiTech Markt besonders prägen?

KI wird eine immer wichtigere Rolle in der Berufsorientierung spielen und für viele junge Menschen zu einem selbstverständlichen Sparringspartner werden. Die Frage wird dabei sein, wie gut KI die Orientierung und Passung tatsächlich verbessern kann.

Ferner wird datengetriebenes Matching wichtiger werden als reine Reichweite. Wir beobachten schon heute, dass sich Recruiting von einer Reichweitenlogik hin zu einer Passungslogik entwickelt. Unternehmen merken zunehmend, dass mehr Bewerbungen nicht automatisch bessere Ergebnisse bedeuten. Im Fokus steht, die richtigen Menschen mit den richtigen Berufen und Unternehmen zusammenzubringen. Der Schlüssel dazu sind Daten.

Parallel dazu gewinnt Retention massiv an Bedeutung. In einer wirtschaftlichen Situation, in der Talente knapp sind, können wir uns Ausbildungsabbrüche nicht leisten. Vor allem Erwartungsmanagement wird zunehmend zu einer strategischen Steuerungsgröße.

Insgesamt spricht vieles dafür, dass Ausbildung in den kommenden Jahren noch stärker zu einem Technologie und Datenmarkt wird. Die Unternehmen, die Orientierung, Matching und Ausbildungserfolg systematisch verstehen und datenbasiert steuern, werden einen deutlichen Vorteil haben.

Welche drei Ratschläge würden Sie Gründern geben, die mit innovativen Lösungen den Ausbildungsmarkt verändern möchten?

Erstens: Nicht von Technologie ausgehen, sondern vom Problem. Der Markt braucht keine KI um der KI willen.

Zweitens: Passung schlägt Reichweite. Viele Probleme entstehen nicht durch fehlende Sichtbarkeit, sondern durch schlechte Entscheidungen.

Drittens: Junge Menschen ernst nehmen. Wer Ausbildung verändern will, muss verstehen, wie Jugendliche denken, suchen und Entscheidungen treffen. Technologie ist dabei nur das Werkzeug.

Bildcredits Ausbildung.de

Wir bedanken uns bei Felix von Zittwitz für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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