Elf Millionen Frauen sind in Deutschland gerade in den Wechseljahren und viele werden mit ihren Beschwerden allein gelassen. Mit langfristigen Folgen für die Gesundheit – und sogar für die Wirtschaft. herCAREER spricht mit Dr. Katrin Schaudig, Gynäkologin und Hormonspezialistin, und mit der Journalistin Katrin Simonsen. In ihrem Podcast „Hormongesteuert“ und hier erzählen die beiden, warum Wissen der Schlüssel zu einer gesunden Zukunft ist.
„Frauen müssen besser aufgeklärt werden und wir brauchen flächendeckend bessere Therapiemöglichkeiten.“
herCAREER: Frau Dr. Schaudig, Frau Simonsen, Wechseljahre – da denken viele immer noch an Hitzewallungen bei Frauen über 50. Ab wann sollten sich Frauen mit dem Thema befassen?
Dr. Katrin Schaudig: Im Schnitt haben Frauen ihre letzte Regelblutung mit 51 bis 52 Jahren, aber die Perimenopause beginnt bei manchen schon in ihren späten 30ern. Ich würde gern kurz die Begrifflichkeiten klären: Die letzte Regelblutung gilt als die eigentliche Menopause, zur Definition gehört, dass man danach ein Jahr blutungsfrei ist. Ab dann beginnt die Postmenopause. Aber die Wechseljahre fangen eben schon Jahre vorher an, mit der Perimenopause.
herCAREER: Woran erkenne ich, dass die Perimenopause beginnt?
Dr. Katrin Schaudig: Wenn der Zyklus unregelmäßig wird, ist das ein Zeichen. Wenn die Blutung plötzlich mal nach 25 Tagen einsetzt, dann nach 30 Tagen und zwischendurch setzt sie mal aus, vielleicht kommt hinzu, dass die Blutungen nicht mehr gleich stark sind – dann lohnt es, darauf zu achten, ob auch noch andere Symptome auftreten.
herCAREER: Was ist denn typisch?
Dr. Katrin Schaudig: Schlafstörungen sind oft das erste Symptom, vor allem, wenn man plötzlich nicht mehr durchschlafen kann. Ein anderes Zeichen sind depressive Verstimmungen, oder man kann sich schlechter konzentrieren, hat vielleicht Wortfindungsstörungen oder entwickelt eine Panikstörung. Bei manchen Frauen beginnt die Perimenopause zehn Jahre vor der letzten Regelblutung, bei anderen erst ein Jahr vorher.
Katrin Simonsen: Eigentlich wäre es sinnvoll, Mädchen würden schon in der Schule mehr über ihren Zyklus lernen und auch etwas über die verschiedenen Phasen der Wechseljahre. Wir merken bei den Hörerinnenfragen zu unserem Podcast „Hormongesteuert“ immer wieder, wie wichtig es ist, ein besseres Verständnis für den eigenen Körper zu haben.
herCAREER: Vor kurzem habe ich ein T-Shirt mit dem Aufdruck gesehen: „Menopause. Puberty’s Evil Older Sister.“ Beschreibt das die Realität?
Katrin Simonsen: Das ist zu 100 Prozent meine Erfahrung. Die Pubertät war bei mir unproblematisch, und ich war null darauf vorbereitet, was mich in den Wechseljahren erwartet. Ich bekam damals extremes Herzrasen und Herzstolpern und alle meine Ärztinnen und Ärzte, auch die Kardiologen, haben den Zusammenhang zwischen Herzbeschwerden und der Hormonumstellung nicht erkannt. Viele andere Symptome wie Migräne, Schwindel, Wortfindungsstörungen konnte ich erst im Nachhinein zuordnen. (Podcast-Tipp: Warum ist Gendermedizin so wichtig für Frauen?)
Dr. Katrin Schaudig: Es gibt ein paar wesentliche Unterschiede zur Pubertät. Wenn die Eierstöcke für die fertile Phase „angeschaltet“ werden, kommt es zwar zu körperlichen Veränderungen, aber die pendeln sich in den drei, vier, fünf Jahren der Pubertät meist ein. Und das Ganze ist hoffentlich der Start in ein pralles Leben. Dagegen können Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen unbehandelt auch 30 Jahre auftreten, wenn man Pech hat. Aber vor allem ist der Beginn der Wechseljahre für viele der erste Point of no Return im Leben, die fruchtbare Phase geht zu Ende, und oft wird einem zum ersten Mal die eigene Endlichkeit bewusst.
herCAREER: In Ihrem Buch „Hot Stuff“ beschreiben Sie, dass viele es als echtes Hormon-Chaos erleben, wenn der Körper in der Perimenopause die Eierstöcke allmählich „abschaltet“. Was ist da los?
Dr. Katrin Schaudig: Wir beginnen erst in den letzten 10 bis 15 Jahren, die Perimenopause besser zu verstehen. Es gibt verschiedene Hypothesen, zum Beispiel, dass die starken Schwankungen von Östrogen und Progesteron die Symptome verursachen. Es wird auch erforscht, welchen Einfluss die Hypothalamus-Hypophysen-Achse bei den Hormon-Schwankungen hat, das ist das System, das unseren gesamten Hormonhaushalt steuert. Auch Neurotransmitter oder die veränderte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol können eine Rolle spielen. Wahrscheinlich ist es eine Summe von Dingen, die die hormonelle Balance in Gehirn und Körper aus dem Takt bringen.
herCAREER: Zurzeit sind in Deutschland rund elf Millionen Frauen in den Wechseljahren.
Katrin Simonsen: Ja, aber nicht alle spüren die Veränderungen gleich stark. Rund ein Drittel merkt kaum etwas, ein Drittel hat deutliche Symptome, kommt aber gut damit klar, und das letzte Drittel der Frauen reißt es von den Beinen, manche sind länger krankgeschrieben, manche müssen ihre Arbeit reduzieren. Bei der MenoSupport-Studie der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin haben fast 20 Prozent der Frauen über 55 angegeben, dass sie wegen Wechseljahresbeschwerden früher in Rente gehen wollen oder schon gegangen sind.
herCAREER: Droht Frauen damit das Label des „ewigen Mängelwesen“: Erst können sie schwanger werden, dann sind sie abgelenkt durch Care-Arbeit und im Anschluss Opfer ihrer Hormone. Wie lässt sich verhindern, dass die Wechseljahre für Frauen zur Falle werden?
Katrin Simonsen: Es gibt den Vorwurf, die Aufklärung über Wechseljahre würde Frauen auf ihre Hormone reduzieren und sei deshalb antifeministisch. Ich sehe es eher so, dass wir anerkennen müssen, dass Frauen keine „kleinen Männer“ sind. Frauen in ihren biologischen Besonderheiten zu sehen und ernst zu nehmen, bringt uns alle voran. Die MenoSupport-Studie hat auch ermittelt, dass die Wechseljahre einen wirtschaftlichen Schaden von 9,4 Milliarden Euro verursachen, weil Frauen medizinisch eben nicht ernst genommen werden. Das Thema weiter zu bagatellisieren, bringt gar nichts.
Dr. Katrin Schaudig: Im Gegenteil, Frauen müssen besser aufgeklärt werden und wir brauchen flächendeckend bessere Therapiemöglichkeiten. Es gibt durchaus einen gesellschaftlichen Wandel. Männer nehmen heute Elternzeit, ich erlebe auch Paare, die Care-Arbeit wirklich teilen. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir keinen Backlash erleben. Die Rechtspopulisten zelebrieren ja nicht zufällig alte Rollenbilder wie die Tradwives.
herCAREER: Sie waren selbst stark von den Wechseljahresbeschwerden betroffen, Frau Simonsen.
Katrin Simonsen: Ja, ich war ein ganzes Jahr krankgeschrieben und habe zwischendurch gedacht, ich könnte nie wieder arbeiten gehen. Mich hat dann die Hormontherapie gerettet.
herCAREER: Die Hormontherapie wird oft mit Skepsis betrachtet, weil Anfang der 2000er-Jahre der Verdacht aufkam, sie könne das Brustkrebsrisiko erhöhen. Was ist der aktuelle wissenschaftliche Stand?
Dr. Katrin Schaudig: Man geht heute davon aus, dass das Risiko durch die Hormontherapie gering ist, was allerdings auch von der Art und der Dauer der angewandten Therapie abhängt. Übergewicht und Alkohol stellen ein deutlich größeres Krebsrisiko dar, aber darüber wird kaum geredet. Ich muss immer an einen Satz denken, den eine Autorin mal in einer Talkshow gesagt hat: „Wenn Männer Hitzewallungen hätten, gäbe es an jeder Tankstelle Östrogene.“ Mir kommt das manchmal vor wie so eine Art Bibel-Denke, nach dem Motto: „Du sollst unter Schmerzen gebären“ – Frauen sollen einfach aushalten, dass es ihnen schlecht geht und nichts dagegen tun.
Katrin Simonsen: Damit das jede Frau für sich selbst entscheiden kann, ist Aufklärung wichtig. Dazu gehört, auch zu wissen, dass Hormone ein Hilfsmittel in dieser Lebensphase sein können, ohne dass man sie unbedingt bis ans Ende des Lebens nehmen muss. Vielen Frauen hilft allein schon, zu wissen, was hinter ihren Beschwerden steckt. Zu sehen: Ich bin nicht verrückt. Und ich bin nicht die einzige, der es so geht.
herCAREER: Gibt es Alternativen, um Beschwerden effektiv zu lindern?
Dr. Katrin Schaudig: Es gibt verschiedene Ansätze. Achtsamkeitstraining finde ich für vieles im Leben super. Hypnose und Akupunktur sind Ansätze, und es gibt pflanzliche Präparate, einige davon sind sogenannte Phytoöstrogene …
herCAREER: … sekundäre Pflanzenstoffe, die in ihrer chemischen Struktur dem menschlichen Östrogen ähneln und zum Beispiel bei Hitzewallungen helfen sollen.
Dr. Katrin Schaudig: Ja. Für mich ist immer die wichtigste Frage: Was ist das Hauptproblem der Patientin? Ich erinnere mich an einen Kongress der Menopause Society in den USA: Auf einem Panel zu Depressionen und Schlafstörungen saßen lauter Psychiater, die Antidepressiva und Schlafmittel empfahlen. Und ich dachte: Warum setzt ihr nicht bei der Ursache an und gebt den Frauen die Hormone, die ihnen fehlen? Vielleicht liegt es daran, dass ich weiß, was ich tue, aber ich würde in so einer Situation sehr viel lieber Hormone als ein Antidepressivum nehmen.
herCAREER: Sehen Sie das so auch bei den anderen Wechseljahresbeschwerden?
Dr. Katrin Schaudig: Ja. Natürlich kann man theoretisch bei Hitzewallungen Phytoöstrogene wie Sojaderivate, Hopfen, Rhabarberwurzel oder ähnliches geben. Doch auch da denke ich, ich würde lieber gleich the real stuff nehmen, also Hormone, die die hormonelle Dysbalance ausgleichen. Gezielt kann man einzelne Symptome auch mit nicht östrogenartigen Pflanzenstoffen angehen, zum Beispiel Schlafstörungen mit Baldrian oder Mariendistel, oder depressive Verstimmungen mit Johanniskraut. Oder auch mit der Traubensilberkerzen, die gegen Hitzewallungen helfen soll. Ich setze lieber bei der Ursache der Beschwerden an, als einzelne Symptome zu behandeln. Aber das ist wohl auch eine Frage des Leidensdrucks.
herCAREER: Brauchen wir Anpassungen im Medizinstudium und in der Weiterbildung?
Dr. Katrin Schaudig: Das Problem ist erkannt. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat gerade ein Curriculum aufgelegt für eine bessere Ausbildung angehender Frauenärzt:innen im Hinblick auf Hormone.
Katrin Simonsen: Aber selbst Ärzt:innen, die sich dafür interessieren, haben eigentlich keine Zeit, Frauen wirklich zu beraten, weil sie insgesamt nur sieben Minuten Beratungszeit im Quartal abrechnen können. In Bayern ist gerade als Modellversuch die W1-Beratung für Frauen in den Wechseljahren geplant, die könnte wirklich etwas verändern. (Anm. d. Red.: In der W1-Pilotstudie der Technischen Universität München sollen rund 500 Frauen in einem 30-minütigen Gespräch über die Wechseljahre aufgeklärt werden, wie sich diese auf Knochengesundheit, Herz-Kreislauf, Sexualität, Schlaf, Psyche und Gewicht auswirken können und welche Präventionsmaßnahmen helfen können.)
herCAREER: Die Menopause wird manchmal auch als „Goldener Moment“ im Leben beschrieben, warum?
Dr. Katrin Schaudig: Es ist der Moment, in dem man die Weichen für die nächsten hoffentlich gesunden Lebensjahrzehnte stellen kann. Spätestens dann sollte man Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen und über seinen Lebensstil nachdenken. Es ist der Moment, in dem das Östrogen wirklich wegfällt, dadurch steigen die Risiken für bestimmte Erkrankungen, etwa Osteoporose, Diabetes und Bluthochdruck, Frauen holen leider auch beim Herzinfarkt auf. Hier können Hormone einen Nutzen bringen, mindestens so wichtig ist aber eine gesunde Ernährung und körperliche Aktivität.
herCAREER: Und wenn ich den Zeitpunkt verpasst habe?
Dr. Katrin Schaudig: Wenn Sie zehn Jahre nach der letzten Blutung mit einer Hormontherapie beginnen, hat Ihr Herz-Kreislauf-System tatsächlich nichts mehr davon. Aber wenn sie unter Hitzewallungen leiden und keine Lust mehr darauf haben, oder eine Osteoporose diagnostiziert wird, dann kann mit Hormonen auch Jahre nach der Menopause noch begonnen werden. Das muss im Einzelfall gut überlegt sein.
Katrin Simonsen: Wissen ist ein Schlüssel. Ich habe früher gedacht, die Menopause bedeutet, dann blute ich nicht mehr, aber sonst bleibt alles wie vorher. Ich hatte keine Vorstellung, was dieser Hormonmangel in meinem Körper machen kann, und ich glaube, so geht es vielen Frauen. Deshalb lohnt es, sich zu informieren und sich und seinem Körper etwas Gutes zu tun, mehr Sport, bessere Ernährung … Wir wollen ja alle möglichst gesund alt werden und den Schalter dafür können wir in der Lebensmitte umlegen.
herCAREER: Was würden Sie jeder Frau am Anfang der Perimenopause sagen?
Katrin Simonsen: Versorg dich mit gutem Wissen, tausch dich mit anderen Frauen aus und wenn dein:e Frauenärzt:in sagt „Das ist Natur, da müssen Sie durch“, dann geh zu jemand anderem.
Dr. Katrin Schaudig: Das klingt jetzt vielleicht blöd, aber ich würde raten, unseren Podcast zu hören. Dann kann man seinem Arzt oder seiner Ärztin gezielte Fragen stellen. Und der beste erste Schritt ist immer, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was im Körper passiert.
Das Interview führte die freie herCAREER-Redakteurin Silvia Feist.
Dr. med. Katrin Schaudig und Katrin Simonsen werden am 22. Oktober 2026 beim Podcast-MeetUp auf der herCAREER Expo live eine Folge des herCAREER Voice Podcasts zum Thema Menopause aufzeichnen.
Bild Dr. med. Katrin Schaudig & Katrin Simonsen Autorin und Frauenärztin, spezialisiert auf die Behandlung von Hormonstörungen, und Präsidentin der Deutschen Menopause Gesellschaft e.V. (DMG) Moderatorin und Redakteurin beim Nachrichtenradio MDR AKTUELL © MDR Aktuell Isabel Gruhle
Quelle messe.rocks GmbH

























