Mit OreatePress gründete Unternehmer und Autor Tony Haber-Matos einen eigenen Verlag, um seinen Roman „Verlorene Unschuld“ gleichzeitig in sieben Sprachen zu veröffentlichen und internationale Leser zu erreichen.
Tony, kannst du dich kurz vorstellen und erzählen, welche Stationen dich auf deinem Weg zum Unternehmer und schließlich zum Autor besonders geprägt haben?
Ich bin Tony Haber-Matos, Unternehmer und Autor in Miami. Mein Weg begann im Dienst als Veteran und führte über den Aufbau eigener Firmen im Getränke- und Markenbereich bis zu dem Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass die Geschichte meiner Familie erzählt werden muss. Geprägt hat mich vor allem die Erfahrung, dass man alles verlieren und wieder aufbauen kann, ausser den Erinnerungen. Sie tragen einen, ob man will oder nicht, und irgendwann verlangen sie eine Form. Für mich wurde diese Form ein Roman.
Du hast mit Casa Santiago LLC und Qvivo Brands Inc. bereits eigene Unternehmen gegründet. Welche Geschäftsideen stehen hinter diesen Firmen und welche Erfahrungen aus dem Unternehmertum helfen dir heute bei deiner Arbeit als Autor?
Casa Santiago LLC und Qvivo Brands Inc. entwickeln und vertreiben Getränkemarken, darunter den Agaven-Spirituose Sabrocito. Wir bauen Marken von Grund auf, von der Rezeptur über die Flasche bis zum Regal. Als Autor hilft mir diese Erfahrung jeden Tag. Ein Buch ist am Ende auch ein Produkt, das Leser finden muss, und ein Manuskript braucht dieselbe Disziplin wie eine Produktion, Termine, Qualität, Ausdauer. Vor allem aber habe ich gelernt, dass eine Marke nur dann trägt, wenn eine echte Geschichte hinter ihr steht. Diese Haltung nehme ich in jeden Satz mit.
Mit OreatePress hast du zusätzlich deinen eigenen Verlag gegründet. Warum hast du dich für diesen Weg entschieden, anstatt deinen Debütroman über einen etablierten Verlag zu veröffentlichen?
Mein Roman erschien gleichzeitig in sieben Sprachen, und diesen Weg hätte kein klassischer Verlag mit mir in dieser Geschwindigkeit und in dieser Form gegangen. Ich wollte die Hoheit über die Geschichte behalten, über die Übersetzungen, über die Gestaltung, über die Märkte. OreatePress ist der Verlag, den ich dafür gegründet habe, ein kleiner, unabhängiger Verlag mit einem klaren Programm, Literatur, die Grenzen überschreitet, sprachlich und menschlich. Der Preis dafür ist, dass ich alles selbst verantworten muss. Der Gewinn ist, dass das Buch genau so in der Welt ist, wie ich es geschrieben habe.
Dein Roman „Verlorene Unschuld“ spielt 1985 in einem katholischen Internat in Spanien. Wie ist die Idee zu dieser Geschichte entstanden und warum hast du gerade diesen historischen und gesellschaftlichen Hintergrund gewählt?
Die Idee wuchs über Jahre, aus Gesprächen, aus Familienerinnerungen und aus der Frage, was Institutionen mit jungen Menschen machen, wenn Schweigen als Tugend gilt. Erlauben Sie mir eine Korrektur der Prämisse, weil sie für das Buch wichtig ist: Der Roman spielt nicht 1985 und nicht in Spanien, sondern im Havanna von heute, an einer ganz gewöhnlichen Tagesschule, dem Colegio San Jerónimo. Drei Schüler, Pedro, Rafael und Juan, zahlen einem spirituellen Praktiker namens Eulogio je fünfhundert Dollar für gestohlene Antworten der Universitätsaufnahmeprüfung, und hinter ihm steht eine Stiftung, die Northstar Continuity Review, die seit zwölf Jahren Kinder klassifiziert, als zuverlässig, unsicher oder gefährlich, und jede Hilfe in Schuld, Verweise und Schweigen verwandelt. Ich habe die Gegenwart gewählt, weil diese Maschine keine historische ist. Sie arbeitet mit Formularen, Akten und Bildschirmen, und sie sortiert Kinder im Namen der Hilfe. Dort setzt die Geschichte an.
Deine eigene Familiengeschichte ist durch das kubanische Exil geprägt. Welchen Einfluss haben diese Erfahrungen auf dein Schreiben und welche persönlichen Erinnerungen oder Fragen spiegeln sich in deinen Geschichten wider?
Meine Familie wurde durch die kubanische Revolution geteilt, ein Teil blieb auf der Insel, ein Teil ging ins Exil, und zwischen beiden Teilen lagen Jahrzehnte des Schweigens. Als Kind lernte ich die Familiengeschichte in den Pausen der Gespräche kennen, in den Themen, die am Tisch vermieden wurden, und in den Fotos, die im Album fehlten. Diese Erfahrung trägt mein ganzes Schreiben. In meinen Geschichten frage ich immer wieder, was ein Mensch seiner Familie schuldet, was er ihr verschweigen darf und was es kostet, wenn die Wahrheit erst nach Jahrzehnten ans Licht kommt. Die Frage, wer Hilfe verdient, steht über allem, und sie richtet sich an Schuldige und Unschuldige gleichermassen.
Im Mittelpunkt deines Romans stehen drei Jungen, die einen Pakt des Schweigens schließen. Was fasziniert dich an der Frage, wie Geheimnisse und Entscheidungen aus der Jugend ein ganzes Leben beeinflussen können?
Weil es wahr ist, auch wenn der Pakt in meinem Roman anders aussieht, als man ihn sich vorstellt. Kein Schwur und kein Blut, sondern Aufträge, Schulden und Dankbarkeit, Stück für Stück, bis drei Jungen merken, dass ihr Schweigen längst Beweismittel ist. Schweigen ist in diesem Buch das, was das System kauft. Entscheidungen, die wir mit fünfzehn oder siebzehn Jahren treffen, in Angst und ohne jede Erfahrung, begleiten uns noch Jahre danach, weil eine Akte länger lebt als der Moment, in dem sie geschrieben wurde.
Ein Geheimnis verändert den, der es trägt. Der Roman folgt genau dieser Linie, von der ersten Zahlung der drei Jungen bis zu dem Moment, in dem eine Journalistin das Muster dokumentiert, während es noch geschieht, und ein Junge in Raum 7 einen dritten Satz in eine Maschine schreibt, die nur zwei Antworten kennt: Ich übernehme die Verantwortung für das, was ich getan habe. Ich lehne die Verantwortung für das ab, was ihr damit gemacht habt.
Glaube, Familie, Exil und Erinnerung gehören zu den zentralen Themen deiner Geschichte. Welche Botschaft möchtest du mit deinem Roman vermitteln und welche Fragen sollen Leserinnen und Leser nach der Lektüre beschäftigen?
Ich möchte zeigen, dass Schweigen seinen Preis immer verlangt, nur eben später und meist von den Falschen. Der Roman verurteilt niemanden leichtfertig, er fragt nach den Umständen, unter denen Menschen versagt haben, und nach der Gnade, die trotzdem möglich bleibt. Nach der Lektüre sollen die Leser über ihre eigenen Familien nachdenken, über die Tür, die bei ihnen zu Hause nie geöffnet wird, und über die Frage, wer in ihrem Leben Hilfe verdient hätte und sie nie bekam. Wenn ein Leser nach der letzten Seite einen Menschen anruft, den er seit Jahren meidet, hat das Buch sein Ziel erreicht.
Du hast deinen Debütroman 2026 gleichzeitig in sieben Sprachen veröffentlicht. Wie hast du diese internationale Veröffentlichung organisiert und welche Herausforderungen entstehen bei Übersetzung, kulturellen Unterschieden und Qualitätssicherung?
Organisiert habe ich es wie eine Produktion mit sieben parallelen Linien, Übersetzung, Lektorat, Satz und Cover für jede Sprache, mit festen Terminen und einer Qualitätsprüfung am Ende jeder Linie. Die grösste Herausforderung ist die Stimme. Ein Satz, der auf Spanisch selbstverständlich klingt, kann auf Deutsch kantig wirken und auf Japanisch eine ganz andere Höflichkeit verlangen. Deshalb arbeitete ich mit Übersetzern und Lektoren, die den Ton des Buches verstanden, seine Stille, seine Spannung, seine Zärtlichkeit für die Figuren. Jede Ausgabe musste sich anfühlen wie ein Original, und dieser Anspruch hat Zeit gekostet, die sich gelohnt hat.
Als unabhängiger Autor und Verleger bist du nicht nur für das Schreiben, sondern auch für Produktion, Vertrieb und Vermarktung verantwortlich. Welche unternehmerischen Herausforderungen waren beim Aufbau von OreatePress besonders groß?
Die grösste Herausforderung war die Gleichzeitigkeit. Ich schrieb an der Saga weiter, während ich Druckdaten prüfte, Vertriebswege aufbaute und eine Vermarktung in sieben Sprachen organisierte. Dazu kam die finanzielle Verantwortung, ein Verlag trägt seine Kosten lange, bevor das erste Buch verkauft ist. Geholfen hat mir meine Erfahrung aus dem Getränkegeschäft, wo eine Abfüllung genauso viele Gewerke zusammenführt. Am Ende ist ein Verlag ein Handwerk mit vielen Händen, und meine Aufgabe ist es, die Qualität auf jeder Stufe zu halten, vom ersten Satz bis zum Buch im Regal.
Dein Buch ist unter anderem über Amazon, Walmart und Barnes & Noble erhältlich. Wie hast du den internationalen Vertrieb aufgebaut und welche Rolle spielen digitale Plattformen und soziale Medien bei der Gewinnung neuer Leser?
Der Vertrieb läuft über die grossen internationalen Kanäle, der stationäre und der Online-Buchhandel in mehreren Ländern, ergänzt durch den Vertrieb über IngramSpark, der das Buch für Buchhandlungen und Bibliotheken bestellbar macht. Digitale Plattformen sind für einen unabhängigen Verlag die Lebensader, sie machen ein Buch aus Miami in Berlin, Tokio und São Paulo am selben Tag verfügbar. Soziale Medien und die Leser-Communitys sind der Ort, an dem das Buch weiterlebt, in Besprechungen, in Interviews und in den vielen Gesprächen, die ein erster Roman braucht, um seine Leser zu finden. Diese Arbeit mache ich jeden Tag selbst, und sie ist Teil des Verlagskonzepts.
„Verlorene Unschuld“ ist als erster Teil einer Saga angelegt. Welche Entwicklung planst du für die weiteren Bücher und welche langfristige Vision verfolgst du mit OreatePress als eigenständiger Verlagsmarke?
Der zweite Teil setzt dort an, wo der erste ehrlich endet. Das Nachfolgekonto der Stiftung ist eingefroren, nicht aufgelöst, die Stiftung selbst besteht fort, und eine neue Klasse von Schülern ist bereits für die nächste Prüfung markiert. Die Geschichte bleibt in Havanna und folgt Pedro, Rafael und Juan und den jüngeren Schülern um Sofía, die gelernt haben, sich zu verweigern, und der Frage, die das System nicht ablegen kann: Wer darf entscheiden, wer Hilfe verdient? Langfristig soll OreatePress ein Verlag sein, der Literatur über Exil, Familie und Erinnerung in mehreren Sprachen veröffentlicht, meine eigene Saga und später auch andere Stimmen, die ähnliche Geschichten zu erzählen haben. Klein, unabhängig und mit dem Anspruch, dass jedes Buch in jeder Sprache wie ein Original gelesen wird.
Wenn du auf deinen Weg als Unternehmer, Verlagsgründer und Autor zurückblickst, welche Erfahrungen haben dich am stärksten geprägt und welche drei Ratschläge würdest du anderen Gründerinnen und Gründern geben, die eine kreative Leidenschaft in ein eigenes Unternehmen verwandeln möchten?
Am stärksten geprägt haben mich die Verluste, die Firmen, die nicht funktioniert haben, und die Jahre, in denen die Familie nur in Fragmenten existierte. Daraus habe ich drei Dinge gelernt, die ich weitergeben würde. Erstens, fange mit der Geschichte an, nicht mit dem Produkt, denn Menschen folgen einer Wahrheit und keinem Konzept. Zweitens, halte die Qualität in deiner eigenen Hand, in jeder Sprache und auf jeder Stufe, denn dein Name steht am Ende auf dem Cover und auf der Rechnung. Drittens, habe Geduld mit dem langen Weg, ein Unternehmen, das aus Leidenschaft entsteht, wächst langsamer, als man es sich wünscht, und trägt dafür länger, als man es sich vorstellen kann.
Fotocredits: privat
Wir bedanken uns bei Tony Haber-Matos für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.















