Mittwoch, August 26, 2026
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Cleverklagen: Wie eine digitale Plattform das Arbeitsrecht zugänglicher macht

Cleverklagen verbindet Arbeitsrecht mit digitalen Prozessen und möchte mit der Prozesskostenhilfe den Zugang zu rechtlicher Unterstützung einfacher und bezahlbarer machen.

Können Sie Cleverklagen kurz vorstellen und erzählen, welche Idee hinter der digitalen Plattform für Arbeitsrecht steht?

Cleverklagen hilft Arbeitnehmer:innen dabei, ihre Rechte einfach und ohne finanzielles Risiko durchzusetzen. Wer beispielsweise ungerechtfertigt gekündigt wurde, bekommt bei uns Zugang zu erfahrenen Anwält:innen, die den Fall individuell betreuen und bei Bedarf auch vor Gericht ziehen. Gleichzeitig übernehmen wir im Hintergrund die bürokratischen Prozesse, sodass sich unsere Anwält:innen auf die juristische Arbeit und die persönliche Betreuung konzentrieren können. Unsere Idee dahinter ist letztlich sehr simpel: Recht sollte nicht davon abhängen, wie viel Geld oder Ressourcen jemand hat. Wir wollen dazu beitragen, dieses Ungleichgewicht ein Stück weit auszugleichen und Menschen eine professionelle rechtliche Unterstützung ermöglichen. Und: Das Ganze läuft digital ab. So können wir Menschen in ganz Deutschland helfen. Unsere Kund:innen müssen für die Verteidigung ihrer Rechte nicht mal vom Sofa aufstehen!

Wer steht hinter Cleverklagen, und wie verbinden Sie juristische Expertise mit Technologie und Unternehmensaufbau?

Cleverklagen wurde 2020 von Lucas Rößler und mir gegründet. Wir sind beide Rechtsanwälte und haben zuvor selbst in großen internationalen Kanzleien gearbeitet. Dadurch kennen wir die Herausforderungen der Rechtsbranche sehr genau. Diese juristische Erfahrung verbinden wir mit Technologie und unternehmerischem Denken, um Prozesse neu zu denken und eine moderne Form der Rechtsberatung aufzubauen.

Welche Vision verfolgen Sie mit Cleverklagen, wenn es um einen einfacheren Zugang zum Recht geht?

Unsere Vision ist, dass Menschen ihre Rechte wahrnehmen können, unabhängig davon, wie viel Geld sie verdienen oder wie kompliziert ein juristischer Prozess auf den ersten Blick erscheint. Das Deutsche Recht ist eigentlich super aufgestellt, gerade für Arbeitnehmer:innen, bloß profitieren bisher nicht alle davon. Viele Menschen schrecken vor rechtlichen Auseinandersetzungen zurück, weil sie Kosten, Bürokratie oder komplizierte Abläufe fürchten. Wir wollen diese Hürden abbauen und dafür sorgen, dass juristische Unterstützung verständlich und unkompliziert zugänglich ist.

Viele Arbeitnehmer verzichten auf berechtigte Ansprüche. Welche Hürden begegnen Ihnen dabei in der Praxis besonders häufig?

In der Praxis erleben wir vor allem drei große Hürden: fehlendes Wissen über die eigenen Rechte, die Angst vor den Kosten und komplizierte bürokratische Abläufe. Gerade nach einer Kündigung wissen viele Betroffene beispielsweise nicht, welche Fristen gelten oder welche Möglichkeiten sie überhaupt haben. Unser Ansatz ist deshalb, möglichst früh Orientierung zu geben und den gesamten Prozess so unkompliziert wie möglich zu gestalten.

Mit Ihrem neuen Tool digitalisieren Sie den Antrag auf Prozesskostenhilfe. Wie ist die Idee dafür entstanden?

Die Idee ist direkt aus unserer täglichen Arbeit entstanden. Wir sehen immer wieder, dass Menschen ihre Rechte nicht durchsetzen, weil sie sich ein Gerichtsverfahren finanziell nicht zutrauen. Zwar gibt es mit der Prozesskostenhilfe bereits ein wichtiges Instrument, um Menschen mit geringem Einkommen den Zugang zum Recht zu ermöglichen, aber der Antrag ist extrem mühsam. Man kann ihn sich wie eine „kleine Steuererklärung“ vorstellen, es müssen haufenweise Belege eingereicht werden. Deshalb wollten wir genau an diesem Punkt ansetzen und den Prozess digitaler, verständlicher und einfacher machen, damit möglichst viele Menschen die staatliche Unterstützung tatsächlich in Anspruch nehmen können.

Juristische Formulare und Fachbegriffe können schnell überfordern. Wie gelingt es Ihnen, komplexe rechtliche Prozesse verständlich abzubilden?

Es geht auch hier um Zugang: Wer den juristische Sprech nicht beherrscht, wird teilweise davon abgehalten, sein Recht überhaupt einzufordern. Wir versuchen, juristische Komplexität nicht einfach an die Nutzer:innen weiterzugeben, sondern sie im Hintergrund abzubilden. Das bedeutet: Statt mit Fachbegriffen und langen Formularen zu arbeiten, übersetzen wir komplexe Prozesse in einzelne, verständliche Schritte. Bei unserem Prozesskostenhilfe-Tool erklären wir beispielsweise direkt, welche Angaben benötigt werden, warum sie relevant sind und welche Nachweise erforderlich sind. So können auch Menschen ohne juristisches Vorwissen nachvollziehen, was von ihnen verlangt wird und warum.

Welche Rolle spielen Automatisierung und künstliche Intelligenz bei Cleverklagen, und wo bleibt persönliche Betreuung unverzichtbar?

Eine juristische Entscheidung treffen wir niemals automatisiert, dafür bleibt die Verantwortung bei unseren erfahrenen Anwält:innen. Gerade im Arbeitsrecht spielen außerdem persönliche Beratung, Verhandlungsgeschick, Erfahrung und das richtige Timing eine entscheidende Rolle.

KI und Automatisierung unterstützen uns bei wiederkehrenden und administrativen Aufgaben. Dazu gehören beispielsweise die Strukturierung von Daten, Fristen- und Aufgabenmanagement oder intelligente Prüfmechanismen zur Qualitätssicherung. Wichtig zu erwähnen: Wir haben eigene Server in-house. Die Daten unserer Nutzer:innen verlassen also unter Unternehmen nicht.

Technologie ist für uns kein Selbstzweck. Sie soll dort eingesetzt werden, wo sie Abläufe einfacher und effizienter machen kann. Im Unterschied zu einer klassischen Kanzlei denken wir deshalb nicht nur vom einzelnen Mandat, sondern versuchen, den gesamten Ablauf dahinter möglichst effizient und digital zu organisieren. Das bedeutet für unsere Mandant:innen auch: Sie müssen nicht für jeden Schritt persönlich in eine Kanzlei kommen, sondern können viele Dinge digital und unkompliziert von zu Hause aus erledigen. Gleichzeitig übernehmen wir das Kostenrisiko für die rechtliche Durchsetzung, sodass finanzielle Hürden nicht darüber entscheiden, ob jemand sein Recht wahrnimmt.

Gleichzeitig bleiben unsere Anwält:innen der zentrale Ansprechpartner für die Mandant:innen. Der entscheidende Punkt dabei: Durch den Einsatz von Technik schaffen wir uns Spielräume, die wir sonst nicht hätten – mehr Zeit für die schwierigen Fälle. Für diejenigen, die besonders viel Unterstützung brauchen. Für den menschlichen Aspekt. Genau der ist uns besonders wichtig – und das unterscheidet uns auch von anderen Legal-Tech-Anbietern, denke ich.

Das Prozesskostenhilfe Tool steht zunächst Bestandskunden zur Verfügung. Welche Erkenntnisse möchten Sie in dieser ersten Phase gewinnen?

Zunächst möchten wir vor allem verstehen, wie Nutzer:innen mit dem digitalen Antrag zurechtkommen und an welchen Stellen noch Fragen oder Hürden entstehen. Das Feedback unserer Mandant:innen ist dafür besonders wertvoll. Perspektivisch möchten wir das Tool auch für Menschen zugänglich machen, die bislang keine Cleverklagen-Kund:innen sind.

Welche besonderen Herausforderungen entstehen bei der Digitalisierung von Prozessen, bei denen rechtliche Genauigkeit entscheidend ist?

Bei Cleverklagen lassen wir keine rechtlichen Entscheidungen automatisiert treffen, die juristische Bewertung und Verantwortung bleiben immer bei unseren Anwält:innen. Deshalb stellt sich für uns weniger die Frage, wie man rechtliche Entscheidungen automatisieren kann, sondern vielmehr, an welchen Stellen Technologie sinnvoll unterstützen kann. Im Rechtsbereich darf Digitalisierung niemals auf Kosten der Genauigkeit gehen. Automatisiert werden bei uns beispielsweise organisatorische Prozesse wie Erinnerungen an Fristen. Das ist nicht nur zuverlässig, sondern kann im Vergleich zu manuellen Prozessen sogar zusätzliche Sicherheit schaffen. Deshalb müssen automatisierte Prozesse sehr sorgfältig entwickelt, geprüft und überwacht werden. Wir setzen Technologie dort ein, wo sie zuverlässig unterstützen kann, behalten die juristische Verantwortung aber bewusst bei unseren Anwält:innen. Gerade bei komplexen oder individuellen Rechtsfragen ist menschliche Expertise unverzichtbar.

Wie möchten Sie Cleverklagen und das Prozesskostenhilfe Tool in den kommenden Jahren weiterentwickeln?

Wir wollen unser bisheriges Wachstum fortsetzen und gleichzeitig unser Angebot ausweiten. Wir wollen dort helfen, wo Menschen mit echten und teilweise existenziellen rechtlichen Problemen konfrontiert sind. Das Prozesskostenhilfe-Tool ist nur eines von vielen geplanten Tools, die User:innen das Leben leichter machen sollen. Neben dem Arbeitsrecht wollen wir langfristig auch weitere Rechtsgebiete anbieten. Unser übergeordnetes Ziel bleibt dabei immer dasselbe: Recht für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen.

Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die komplexe und stark regulierte Prozesse digital vereinfachen möchten?

Achtet darauf, nur dort zu digitalisieren, wo es wirklich Sinn macht. Digitalisierung nicht als Selbstzweck. Fragt euch immer: Lösen wir an dieser Stelle wirklich ein Problem?

Plant von Anfang an die Konzepte zur Datensicherheit als integralen Bestandteil mit ein. Das ist kein second thought.

Bewahrt den menschlichen Aspekt. Ich kenne niemanden, der es mag, mit einem KI-Chatbot am Telefon zu hängen.

Bildcredits Patrick Desbrosses

Wir bedanken uns bei Fabian Beulke für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

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