Mit der im April 2026 in Augsburg gegründeten Marke Wellness Anarchy baut der Gründer eigenständig eine transparente Linie für Vitalpilze auf, die ohne unverständliche Versprechen und verschleierte Angaben auskommt
Können Sie Wellness Anarchy kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee zur Gründung Ihrer Vitalpilz-Marke entstanden ist?
Wellness Anarchy ist eine Vitalpilz-Marke aus Augsburg, gegründet im April 2026. Wir bauen gerade eine Linie aus fünf Pilzen auf: Lion’s Mane, Cordyceps, Reishi, Chaga und Tremella. Kapseln im Standbeutel, Vertrieb später direkt über den eigenen Shop, Markt sind Deutschland und Österreich. Wir sind noch nicht im Verkauf.
Die Idee kam nicht aus einer Marktlücke, sondern aus einem Familienthema. Ende zwanzig habe ich angefangen, mich mit dem Gehirn zu beschäftigen. Aus Dokumentationen wurden Bücher, aus Büchern Podcasts, und irgendwann standen Pilze im Zentrum.
Der eigentliche Auslöser war dann aber der Kaufversuch. Ich hatte mich wochenlang eingelesen und stand trotzdem vor dem Regal und habe es nicht verstanden. Warum kostet das eine Produkt das Dreifache vom anderen. Was bedeutet 10:1. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Extrakt und Pulver. Niemand hat es erklärt.
Und bei der Recherche kam noch was dazu: Ein großer Teil des deutschen Marktes geht auf dieselben wenigen Vorlieferanten zurück. Unterschiedliche Labels, unterschiedliche Preise, ähnliche Ware.
Sie haben Wellness Anarchy 2026 als Kleingewerbe aufgebaut. Wie haben Sie es geschafft, Einkauf, Regulatorik, Produktentwicklung und Vertrieb eigenständig zu organisieren?
Ehrliche Antwort: nacheinander. Ich habe einen 35-Stunden-Job und ungefähr zehn Stunden die Woche für die Marke. Parallel geht da nichts.
Die Reihenfolge war: erst der Name beim DPMA, dann die Lieferkette, dann die Produktspezifikationen, dann die Etiketten, dann die Anzeigen beim BVL, dann der Shop. Alles, was später teuer wird, wenn man es falsch macht, kam zuerst. Fertig ist das übrigens nicht. Bei mir stehen gerade immer noch ein paar Dinge offen, die vor dem Verkauf zu sein müssen.
Alleine ist auch relativ. Für Lebensmittelrecht habe ich eine externe Kanzlei, weil ich kein Jurist bin. Meine letzte Prüfung im Studium war Medienrecht, und das habe ich danach unter Bullshit abgelegt, den ich nie wieder brauche. Turns out: doch. Bei den technischen Fragen zum Rohstoff ist mein Lieferant gleichzeitig Berater, und für die Druckvorstufe arbeite ich mit Leuten zusammen, die das jeden Tag machen.
Und dann gibt es einen Teil, über den vor drei Jahren noch niemand geredet hätte. Ich baue mir für die Bereiche, in denen ich keinen Menschen bezahlen kann, KI-Mitarbeiter. Nicht im Sinne von „ich lasse mir schnell einen Text schreiben“, sondern richtig aufgesetzt. Ich habe für die Marke einen Kontextordner mit Markdown-Dateien, in dem alles steht: Produktdaten, Compliance-Regeln, Zielgruppen, Markenstimme, offene Punkte, jede Entscheidung mit Datum und Begründung. Darauf setzen einzelne Spezialisten auf. Einer für Lebensmittelrecht, einer für die Zahlen, einer für Text, einer für SEO, einer für die Studienlage.
Der wichtigste Effekt ist nicht Geschwindigkeit. Es ist das Gegenchecken. Wenn ich einen Produkttext schreibe, läuft der durch den Compliance-Teil, bevor er irgendwo landet. Und der sagt mir dann regelmäßig, dass mein Satz so nicht geht. Das hat mir schon mehrfach Sachen gefunden, die ich selbst überlesen hätte. Zuletzt eine Zahl in einem veröffentlichten Artikel, die zu meinen eigenen Gunsten falsch war.
Das ersetzt keinen Anwalt und keinen Steuerberater. Aber es ersetzt den Zustand, in dem eine Einzelperson alles im Kopf hat und die Hälfte davon vergisst.
Welche Vision verfolgen Sie mit Wellness Anarchy, und wie möchten Sie den Markt für Vitalpilz-Produkte langfristig mitgestalten?
Zwei Sachen.
Die erste ist Normalisierung. Pilze sollen so selbstverständlich sein wie Kaffee. Zwei Kapseln morgens, fertig. Kein Ritual, keine Zeremonie, kein Alternativ-Lifestyle. Aktuell ist die Kategorie entweder Biohacking-Nische oder Esoterik, und beides schließt Leute aus, die einfach nur ein Produkt wollen, das sie verstehen.
Die zweite ist Nachvollziehbarkeit. Ich hätte gerne, dass es normal wird, Analysewerte zu zeigen. Gemessene Werte, nicht gewünschte. Wenn andere Marken damit anfangen, weil Kunden anfangen danach zu fragen, ist das für mich ein Gewinn, auch wenn ich davon keinen Umsatz habe.
Ob ich den Markt mitgestalte, weiß ich nicht. Ich bin eine Person mit einem Nebengewerbe. Aber ich kann zumindest vormachen, dass es geht.
An welche Zielgruppen richtet sich Wellness Anarchy, und welche Erwartungen möchten Sie mit Ihren Produkten erfüllen?
Der Kern ist jemand Mitte dreißig, beruflich eingespannt, macht Sport, hat einen vollen Tag. Gesundheitsbewusst, aber nicht ideologisch. Der Satz, der es am besten trifft: gesund leben, aber nicht heilig.
Wobei das Alter kein Filter ist. Wir segmentieren nicht über Demografie, sondern über die Situation, in der jemand sucht. Dieselbe Person ist im Winter in einer anderen Situation als im Frühjahr. Das ist kein Zielgruppenwechsel.
Was wir erfüllen wollen, ist genau eine Sache: Du sollst kein Pilzexperte werden müssen, um ein nachvollziehbares Produkt auswählen zu können. Nicht mehr und nicht weniger.
Und was wir ausdrücklich nicht erfüllen: Wir sind nichts für Leute, die in dreißig Tagen eine Transformation erwarten, und nichts für Leute, die eine medizinische Lösung suchen. Kranke, Schwangere und Kinder sprechen wir gar nicht an. Das ist keine Marketingentscheidung, das ist eine harte Grenze.
Viele Anbieter setzen auf starke Werbeversprechen. Warum verfolgt Wellness Anarchy bewusst einen wissenschaftlich orientierten und transparenten Ansatz?
Weil ich damals nicht gekauft habe, und zwar nicht, weil mir Versprechen gefehlt hätten. Ich habe nicht gekauft, weil es zu viele waren und ich sie nicht unterscheiden konnte. Wenn drei Produkte nebeneinander stehen und alle behaupten dasselbe, ist die Behauptung wertlos geworden.
Das deckt sich mit dem, was wir in der Auswertung von Kundenrezensionen im Markt gesehen haben. Einer der häufigsten Kritikpunkte ist, dass sich deklarierte Werte nicht nachvollziehen lassen. Genau das lösen Versprechen nicht.
Dazu kommt der rechtliche Rahmen. Für Vitalpilze gibt es in der EU keinen einzigen zugelassenen gesundheitsbezogenen Claim. Nicht einen. Das ist eine Tatsache, mit der jeder in dieser Kategorie umgehen muss, und wir haben uns entschieden, das nicht als Problem zu behandeln, sondern als Vorgabe.
Und das gilt dann eben auch, wenn es unbequem wird. Bei unserem Reishi lag ein gemessener Wert unter dem, was ich ursprünglich ausloben wollte. Auf dem Etikett steht der gemessene Wert.
Was macht Wellness Anarchy aus Ihrer Sicht besonders im Vergleich zu anderen Marken im Bereich Vitalpilze?
Nicht die Pilze. Das muss man mal so sagen. Der deutsche Markt bezieht großteils aus demselben Raum, und ich behaupte nicht, geheime Rohstoffe zu haben, die es sonst nirgends gibt.
Der Unterschied ist, was gezeigt wird. Analysezertifikate mit den tatsächlich gemessenen Werten. Herkunft. Welcher Teil des Pilzes verarbeitet wurde. Welches Extraktionsverfahren. Keine proprietären Mischungen, in denen man nicht sieht, wie viel wovon drin ist.
Ein konkretes Beispiel, das mir wichtig ist: Wir geben kein Extraktverhältnis an. Also kein 10:1 oder 20:1 auf der Packung. Unser Lieferant verwendet für Pilzextrakte keine solchen Angaben, und ich erfinde keine. Das ist kommerziell dumm, weil 10:1 nach mehr klingt. Aber eine Zahl, die ich nicht belegen kann, kommt nicht auf mein Etikett.
Sie haben sich intensiv mit Themen wie BVL-Anzeigeverfahren, Etikettenrecht und Lieferketten beschäftigt. Welche Herausforderungen haben Sie als Gründer am meisten überrascht?
Am meisten überrascht hat mich, wie wenig die formalen Schritte das eigentliche Problem sind. Die Anzeige beim BVL nach Paragraf 5 NemV ist ein Formular. Die Arbeit liegt komplett davor, nämlich in der Frage, was genau auf dem Etikett stehen darf. Und diese Frage hat ungefähr vierzig Unterfragen.
Was ich unterschätzt habe, ist die Kettenlogik. Eine BVL-Anzeige braucht ein Etikettenmuster. Ein druckreifes Etikett braucht die Angaben des Lohnfertigers und die Klärung, wer nach der neuen EU-Verpackungsverordnung als Erzeuger auf der Verpackung stehen muss. Die gilt ab dem 12. August, und unser Launch liegt danach. Also gilt sie für uns von Anfang an. Das heißt: Ich kann eine Etikettenfrage nicht isoliert lösen, weil vier andere Dinge daran hängen.
Und dann gibt es die Themen, wo ich als Einzelunternehmer schlicht an eine Grenze komme. Bei der Frage, wie ein Extrakt mit Ethanolschritt novel-food-rechtlich einzuordnen ist, hört mein Halbwissen auf. Das geht zum Fachanwalt, nicht zu mir.
Sie haben einen Marktvergleich veröffentlicht, in dem Wellness Anarchy nicht in allen Kategorien an der Spitze steht. Warum war Ihnen diese Offenheit wichtiger als ein möglichst positives Eigenmarketing?
Weil ein Vergleich, in dem der Absender immer gewinnt, kein Vergleich ist. Das ist eine Anzeige mit Tabellenlayout, und jeder merkt das nach zehn Sekunden.
Deshalb haben wir die Kriterien binär gemacht. Erfüllt oder nicht erfüllt, keine Punktzahlen, keine Gewichtung. Sobald man gewichtet, kann man so lange drehen, bis man vorne steht. Ich wollte mir die Möglichkeit von vornherein nehmen.
Und es gibt einen eigenen Abschnitt dazu, wo wir selbst verlieren. Das deutlichste Beispiel: Wir haben in der Untersuchung eine Transparenzlücke bei allen sieben Anbietern gefunden, und wir schließen sie selbst gerade auch nicht. Uns liegen die Analysezertifikate unseres Lieferanten vor. Was uns fehlt, ist ein eigener Prüfbericht, den wir selbst beauftragt haben und veröffentlichen dürfen. Der kommt, aber er ist noch nicht da. Das steht so im Artikel drin.
Das Risiko ist offensichtlich. Jemand liest den Vergleich und kauft woanders. Damit kann ich leben. Der Alternativfall ist, dass jemand das Ding liest, merkt dass es geschönt ist, und mir dann bei nichts mehr glaubt.
Welche Erkenntnisse haben Sie aus Ihrer Analyse von 21 Produkten verschiedener Anbieter gewonnen, und was sagt das über den Markt für Vitalpilze aus?
Die auffälligste Zahl ist nicht die 21, sondern die 7. So viele Lieferanten stecken hinter diesen Produkten. Der Markt ist an der Oberfläche vielfältig und darunter ziemlich schmal.
Zweitens: Analysewerte sind oft nicht nachvollziehbar. Das ist auch der häufigste Kritikpunkt, den wir in den Kundenrezensionen im Markt gefunden haben.
Drittens, und das war für mich die relevanteste Erkenntnis: Ich habe selbst lange geglaubt, ein Extraktverhältnis sei ein Qualitätsmerkmal. Ist es nicht. Unser Lieferant hat mir im Juli erklärt, dass er für Pilzextrakte grundsätzlich keine solchen Angaben verwendet, weil sie dort wenig Sinn ergeben. Deshalb wird auf unseren Packungen kein 10:1 und kein 20:1 stehen.
Was das über den Markt sagt: Er ist nicht betrügerisch. Er ist unerklärt. Und das ist ein Zustand, den man ändern kann.
Welche neuen Produkte oder Entwicklungen stehen bei Wellness Anarchy aktuell im Fokus?
Keine neuen Produkte. Der Fokus liegt komplett darauf, die fünf, die wir haben, sauber startklar zu bekommen. Das klingt langweilig und ist gerade die ganze Arbeit.
Konkret heißt das: Etikettenwerte final machen, die Anzeigen beim BVL mit dem finalen Etikett einreichen, Verpackungsrecht klären, die novel-food-rechtliche Einordnung extern prüfen lassen. Nichts davon sieht man später auf der Website. Wenn eins davon fehlt, wird nichts verkauft.
Daneben läuft der Content-Aufbau. Wir haben rund 57 Artikel online, seit April, dazu zwei redaktionelle Formate: den Marktcheck und eine Auswertung von Kundenrezensionen im Markt. Das ist der Kanal, den ich mir leisten kann. Bezahlte Reichweite kommt für mich erst, wenn organisch nachweisbar etwas funktioniert.
Ein Startdatum nenne ich bewusst nicht.
Wo soll Wellness Anarchy in den kommenden Jahren stehen, und welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrem Unternehmen?
Da muss ich passen, weil ich es nicht genau weiß. Ich habe keine Fünfjahresplanung, in der Zahlen stehen, die ich mir ausgedacht habe.
Was ich habe, sind Reihenfolgen. Das nächste Ziel ist, dass der eigene Shop trägt. Danach die Frage, ob ich das hauptberuflich machen kann. Marktplätze kommen erst infrage, wenn der Shop steht, nicht vorher, weil ich sonst die Kontrolle über die Kommunikation abgebe, bevor die Marke sie überhaupt aufgebaut hat.
Das Sortiment bleibt bei Pilzen. Kein Ashwagandha, kein Magnesium, auch wenn es thematisch passen würde und sich leichter verkaufen ließe.
Und ich möchte eigenfinanziert bleiben, so lange es geht. Scheitern ist für mich definiert als: niemand kauft. Langsames Wachstum ist kein Scheitern.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit begrenzten Ressourcen eine eigene Marke aufbauen möchten?
Erstens: Mach das zuerst, was später teuer wird. Bei mir war das erste Investment nicht Ware, sondern der Markenschutz beim DPMA. 290 Euro. Danach Compliance und Lieferkette. Das Logo kann warten, das Logo ändert man nochmal.
Zweitens: Schreib auf, was du entscheidest, und warum. Ich führe ein System, in dem jede Entscheidung mit Datum und Begründung steht. Klingt nach Overhead für eine Ein-Personen-Firma. Hat mir aber mehrfach den Hintern gerettet, weil ich sonst dieselbe Frage nach drei Monaten neu entschieden hätte, und zwar anders.
Drittens, und das ist eher eine Warnung als ein Ratschlag: Ich neige dazu, alles vorzubereiten statt anzufangen. Recherche fühlt sich produktiv an und ist gleichzeitig eine super Ausrede. Wenn du merkst, dass du die dritte Analyse machst, bevor du das erste Produkt verkauft hast, ist das keine Gründlichkeit mehr. Ich weiß das, und ich mache es trotzdem regelmäßig.
Bildcredits privat
Wir bedanken uns bei Dominic Robinson für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

















