Mittwoch, Juli 29, 2026
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Es gibt keine Freiheit von Männern, wenn Frauen nicht frei sind

Sie ist 28, Journalistin, Menschenrechtsaktivistin – und hat gerade ihr erstes Buch veröffentlicht. Daniela Sepehri wuchs als Tochter geflüchteter iranischer Eltern in Paderborn auf und wurde durch die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung politisiert. Im Gespräch mit herCAREER erklärt sie, warum echte Solidarität nie nur die eigene Freiheit im Blick haben darf – und wie jede und jeder von uns die Freiheitskämpfe dieser Welt sichtbarer machen kann.

„Die Regierung tut oft so, als wären Menschenrechte ein Beilagensalat. Aber Menschenrechte sind die Hauptspeise.“

herCAREER: Daniela, dein Buch feiert Menschen, die ungeheuren Mut aufbringen. Viele riskieren im Iran für die Freiheit ihr Leben. Was bedeutet Freiheit für dich?

Daniela Sepehri: Azadi, das persische Wort für Freiheit, war mein erstes Tattoo. Als Jugendliche habe ich zuhause in Paderborn rebelliert, weil mein Bruder viel mehr Freiheiten hatte als ich. Aber so richtig habe ich mich mit dem Wunsch nach Freiheit zum ersten Mal beschäftigt, als 2017, 2018 Proteste im Iran ausgebrochen sind und besonders, als 2019 Proteste blutig niedergeschlagen wurden.

herCAREER: Du bist Menschenrechtsaktivistin und freie Journalistin, du bist jetzt 28 und hast dein erstes Buch geschrieben – der Titel ist ein Appell: „Wenn ihr wegseht, werden wir getötet.“ Was hat dich so früh politisiert?

Daniela Sepehri: Ich bin eine iranische Frau in Deutschland. Ich bin links. Und ich bin das Kind von geflüchteten Eltern, die der christlichen Minderheit im Iran angehören.

herCAREER: Dein Vater ist evangelischer Pastor, er war im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran inhaftiert.

Daniela Sepehri: Ja. Dass ich lebe, ist politisch. Und das habe ich früh gemerkt.

herCAREER: Wodurch? Und: Hast du heute einen deutschen Pass?

Daniela Sepehri: Ich bin mit sieben Jahren eingebürgert worden. Ich bin zwar hier geboren, aber vor 2000, deshalb war ich nicht mit der Geburt deutsche Staatsbürgerin. Meine Eltern mussten für mich noch einen Asylantrag stellen, sonst hätte ich mit 18 Jahren abgeschoben werden können. Bei uns zu Hause wurde immer über die aktuelle Lage im Iran und auf der Welt diskutiert. Als ich mit vier Jahren mit meiner Gitarre auf dem Rücken zum Musikunterricht gegangen bin, hat meine Mama mal gesagt: „Weißt du, im Iran hätte ich nicht so mit einem Musikinstrument durch die Straßen gehen können.“ Sie wollte mir kein schlechtes Gefühl vermitteln, aber sie hat mir von klein auf bewusst gemacht, was ich hier für Freiheiten habe und dass ich sie nutze. Und man bekommt dann auch schnell Sachen mit.

herCAREER: Zum Beispiel?

Daniela Sepehri: Ich habe für meine Eltern und für Leute aus der Gemeinde schon als Kind Behördenbriefe übersetzt und war mit in Geflüchteten-Unterkünften – ich fand da vieles ungerecht. Ich weiß noch, wie ich an meiner katholischen Mädchenschule mal ein Referat darüber gehalten habe, dass in der Islamischen Republik Iran Mädchen ab 9 Jahren und Jungs ab 15 zum Tode verurteilt werden können. Meine Lehrerin hat das nicht geglaubt. Diese Diskrepanz zwischen dem, was ich von zuhause wusste, und meiner Realität in der Schule hat mich auch politisiert.

herCAREER: Im September 2022 wurde Jina Mahsa Amini von der iranischen Sittenpolizei so schwer verletzt, dass sie gestorben ist. Was hat das bei dir ausgelöst?

Daniela Sepehri: Im Sommer war schon eine andere Studentin festgenommen worden, der man ihre Misshandlungen ansehen konnte, als sie im Staatsfernsehen vorgeführt wurde. Dann die Bilder von Jina im Krankenhaus … Ich war so wütend und gleichzeitig habe ich mich so ohnmächtig gefühlt. Das waren Studentinnen wie ich. Also habe ich etwas bei Insta gepostet und dachte, das wird sowieso wieder niemanden interessieren. Als dann die Meldung von Jinas Tod kam, musste ich etwas tun. Ich habe am Brandenburger Tor eine Demo angemeldet, ein paar Bilder auf A3 gedruckt, Kerzen aufgestellt, dann habe ich mit so einem Spielzeug-Megafon eine kleine Rede vom Handy abgelesen, und als ich hochgeschaut habe, war ich total überrascht, wie viele Menschen da waren. Gleichzeitig bekam der Insta-Post immer mehr Reichweite. Da habe ich gemerkt, huch, man interessiert sich in Deutschland dafür, was im Iran passiert.

herCAREER: „Frau, Leben, Freiheit“, der Slogan der Protestbewegung, wurde weltweit aufgegriffen. Im Westen wurde dabei stark aufs Kopftuch geguckt. Wie siehst du das?

Daniela Sepehri: Das Regime im Iran ist ein System der Gender-Apartheid. Es funktioniert über Kontrolle. Man muss verstehen, dass der Kopftuch-Zwang ein Symbol der Unterdrückung der gesamten Bevölkerung ist. Es gibt aber auch Frauen, die freiwillig Kopftuch tragen. Im Herbst 2022 haben die Rechten bei uns versucht, die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung zu instrumentalisieren, um das Kopftuch hier verbieten zu lassen. Aber wer Frauen das Kopftuch verbieten will, unterscheidet sich nicht von denen, die ihnen das Kopftuch aufzwingen. Beides ist ein Eingriff in die Freiheit und Selbstbestimmung. Deshalb haben bei den Protesten im Iran auch Frauen mit und ohne Hijab Hand in Hand dafür demonstriert, selbst entscheiden zu können. Ich habe mich durch die Bewegung auch gefragt: Welchen Preis hat Freiheit? Um wessen Freiheit geht es uns eigentlich?

herCAREER: Und?

Daniela Sepehri: Ich habe mal Jugendliche einer 8. Klasse gefragt: „Was glaubt ihr, warum gehen Männer auf die Straße und rufen ‚Frau, Leben, Freiheit‘, obwohl sie dafür hingerichtet werden können?“ Ein Junge hat, ohne zu zögern, gesagt: „Wenn wir Männer die ganze Zeit für die Frauen bestimmen müssen, ist das ja auch mega viel Druck für die Männer. Deshalb ist es auch für die Männer gut, wenn Frauen Freiheit haben.“ Natürlich ist das vereinfacht, aber er hat verstanden: Es gibt keine Freiheit von Männern, wenn Frauen nicht frei sind. Und ich gehe sogar einen Schritt weiter. „Frauen, Leben, Freiheit“ ist ja eine sehr intersektionale Parole …

herCAREER: „Jin, Jiyan, Azadi“ kommt aus dem Kurdischen.

Daniela Sepehri: Ja, die Parole wurde 2014 prominent, als kurdische Frauen den Islamischen Staat bekämpft haben. Dass kurdische Frauen 2022 nach Jina Mahsa Aminis Ermordung das ganze Land auf die Straße gebracht haben, dafür rächt sich das Regime bis heute. In Kurdistan ist die Gewalt am brutalsten. Aber was ich von den Menschen im Iran eindeutig gelernt habe: Alle progressiven politischen Bewegungen sind miteinander verknüpft. Das spiegelt sich in der Freiheitsbewegung. Es gibt keine Freiheit im Iran ohne die Freiheit von Frauen, ohne die Freiheit von ethnisch oder religiös marginalisierten Gruppen, ohne die Freiheit von queeren Menschen, von Arbeiter:innen oder Studierenden. Die Freiheitsbewegung, der Kampf gegen die Todesstrafe, die Klimabewegung – das hängt alles zusammen, und die Menschen wissen, sie müssen zusammenstehen.

herCAREER: Was können wir in Deutschland davon lernen?

Daniela Sepehri: Dass wir die feministische Bewegung nicht losgelöst vom Recht auf Asyl betrachten, die Klimabewegung nicht ohne Blick auf Arbeiter:innenrechte. Wir kommen weiter, wenn wir uns solidarisieren, auch international.

herCAREER: Im Iran kämpfen die Menschen schon über ein halbes Jahrhundert für Freiheit, erst gegen die Monarchie, dann gegen die Mullahs und jetzt richtet sich der Kampf vor allem gegen die Revolutionsgarden. Was macht die Frauen im Iran dabei zu so einer starken Kraft?

Daniela Sepehri: Vielleicht ist das purer Überlebensinstinkt. Viele haben das Gefühl, sie haben nichts mehr zu verlieren. Eine Freundin, die Anfang des Jahres bei den Protesten dabei war, meinte vorher zu mir: „Was wollen die machen? Mich umbringen? Ich sterbe jeden Tag.“ Ich glaube, in dem Moment, in dem eine Frau beschließt, für ihre Rechte zu kämpfen, sollten sich autoritäre Rechte und Diktatoren warm anziehen. Weltweit gibt es zwar gerade einen Backlash gegen Frauenrechte, aber zugleich verteidigen Frauen überall ihre Rechte furchtloser und mutiger als je zuvor.

herCAREER: 2003 hat Shirin Ebadi den Friedensnobelpreis bekommen, zwanzig Jahre später Narges Mohammadi. Auch Mohammadis Mann war 14 Jahre im Gefängnis und lebt heute mit den Kindern im Exil in Paris. Sie ist im Iran geblieben und ist dort mehr im Gefängnis als in Freiheit. Woher nehmen die Menschen ihren langen Atem?

Daniela Sepehri: Ich glaube, man kann das von außen nicht nachempfinden. Vermutlich würde jedes demokratische Land der Welt Narges Mohammadi mit Kusshand aufnehmen. Aber sie hat sich entschieden, für die Hoffnung auf Freiheit im Iran zu bleiben, und sie ist nicht die einzige. Die Menschen wissen, dass niemand sonst ihre Freiheit erkämpfen wird.

herCAREER: Du stellst die Proteste in einen Zusammenhang mit anderen Freiheitsbestrebungen, etwa in Afghanistan, Gaza und Syrien. Was verbindet diese Kämpfe und warum fällt es uns in Europa so schwer, sie gemeinsam zu denken?

Daniela Sepehri: Diese Kämpfe verbindet der Wunsch von Menschen nach einem Leben in Würde, in Freiheit und Sicherheit. Es hat lange gedauert, bis man im Westen verstanden hat, die Islamische Republik Iran kann man nicht mit den Menschen im Iran gleichsetzen. In Gaza und im Libanon werden die Menschen immer noch mit der Hamas und der Hisbollah gleichgesetzt. Ich erlebe das selbst. Wenn ich mich für die Menschen in Gaza einsetze, werde ich beschimpft, sogar von Teilen der iranischen Diaspora.

herCAREER: Was werfen sie dir vor?

Daniela Sepehri: Dass ich eine Antisemitin sei und eine Mullah-Anhängerin.

herCAREER: Das sind Vorwürfe aus der iranischen Community in Deutschland?

Daniela Sepehri: Ja. Einige glauben an das Motto „Der Feind meiner Feinde ist mein Freund“ und übernehmen dann Benjamin Netanjahus Narrativ zu Gaza. Dabei profitiert das Terrorregime im Iran davon, dass es Krieg zwischen Israel und der Hamas und der Hisbollah gibt. Die ganze Ideologie, dass Israel zerstört werden müsse, würde nicht mehr aufgehen, wenn wir eine Zweistaatenlösung hätten und alle Staaten friedlich miteinander leben könnten. Ich wünschte auch, in den deutschen Medien würden häufiger progressive Stimmen aus Israel zu Wort kommen, es gibt dort genug Menschen, die sagen, was in Gaza passiert, ist ein Genozid. Wenn ich mich für Freiheit im Iran einsetze, kann ich die Freiheit und Sicherheit von Menschen anderswo nicht ausblenden, egal ob es jetzt um Palästina oder Israel geht.

herCAREER: Apropos Medien: Du plädierst im Buch für eine andere Berichterstattung.

Daniela Sepehri: Ich schlage vor, in jedem Artikel, der zum Thema Iran geschrieben wird, noch einen Satz zur Menschenrechtslage zu schreiben. Das wäre schon mal etwas.

herCAREER: Spiegelt sich da dein Buchtitel „Wenn ihr wegseht, werden wir getötet“? Zitierst du mit dem Titel jemanden?

Daniela Sepehri: Ich habe das so oder ähnlich rund um die Proteste oft gehört. Die Menschen erleben, dass die Aufmerksamkeit nicht von Dauer ist – und in dem Moment, wo niemand mehr hinschaut, fängt das Morden richtig an. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres hat das Regime mehr als 800 Menschen hingerichtet.

herCAREER: Bei Instagram die Geschichten zu teilen, wird von manchen als Hashtag- oder Sofa-Aktivismus kritisiert. Du siehst das positiver.

Daniela Sepehri: Ein Name, den die Welt kennt, ist ein Mensch, den das Regime nicht so einfach verschwinden lassen kann. Es muss Konsequenzen fürchten. Und auch bei denen, die getötet werden, hilft es, sich an die Namen und damit an die Verbrechen des Regimes zu erinnern. Eines Tages wird es darum gehen, diese Verbrechen vor einem internationalen Gericht aufzuarbeiten.

herCAREER: Nachdem Donald Trump den Krieg begonnen hatte, ist sehr schnell die wirtschaftliche Lage bei uns in den Fokus gerückt. Hat dich das frustriert?

Daniela Sepehri: Ich kann es verstehen, wenn Menschen Sorge haben, wenn alles teurer wird. Und ich erwarte von der Politik, dass sie sich dieser Sorgen annimmt, denn sie sind absolut berechtigt. Was ich nicht verstehe, ist, wenn sich medial und politisch alles nur noch darum dreht, und die Freiheitsbewegung im Iran, mit der man sich vor wenigen Monaten noch solidarisiert hat, direkt in Vergessenheit gerät – oder wenn man, wie ich von einem EU-Diplomaten im Interview gehört habe, sogar erleichtert ist, dass die türkische Grenze zum Iran dicht ist, um keine Geflüchteten der Freiheitsbewegung aufnehmen zu müssen.

herCAREER: Findest du das nur zynisch oder macht dich das auch selbst zynisch?

Daniela Sepehri: Ich bin Optimistin und zutiefst überzeugt, wir können Dinge zum Besseren verändern. Ich bin auch überzeugt, sehr viele Probleme würden sich von selbst lösen, wenn wir die Menschenrechte bei jeder politischen Entscheidung und jeder politischen Handlung ins Zentrum stellen würden.

herCAREER: Was stellst du dir vor?

Daniela Sepehri: Dass wir nicht nur diskutieren, ob Überreiche von der Krise profitieren, sondern darüber nachdenken, wie wir Menschen, denen es finanziell nicht gut geht, helfen können. Dass wir nicht fragen, wer „die Drecksarbeit“ für wen macht (Anm. d. Red.: Kanzler Merz hat 2025 gesagt, Israel mache im Iran „die Drecksarbeit für uns alle“), sondern darüber nachdenken, wie wir Zivilist:innen schützen können. Die Regierung tut oft so, als wären Menschenrechte ein Beilagensalat. Aber Menschenrechte sind die Hauptspeise. Stell dir vor, die Bundesregierung würde ihre Politik in jedem Ressort davon leiten lassen: eine Innen-, Sozial- und Gesundheitspolitik, die sich an Menschen und Menschenrechten orientiert, eine menschenrechtsgeleitete Politik bei den Themen Wirtschaft, Asyl und Klima – die Welt ist schon in meinen Gedanken so viel schöner.

Das Interview führte die freie herCAREER-Redakteurin Silvia Feist.

Daniela Sepehri wird am 22. Oktober 2026 um 11.40 Uhr beim Authors-MeetUp live Fragen beantworten zum Thema Freiheit und Menschenrechte und zu ihrem Buch „Wenn ihr wegseht, werden wir getötet“ (im Handel ab 19. August).

Bild Daniela Sepehri Freie Journalistin und Menschenrechtsaktivistin mit iranischen Wurzeln © Nassim Rad

Quelle messe.rocks GmH

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