Lemonaid produziert Bio-Getränke und verbindet Social Business mit einer AG-Struktur, um gesellschaftliche Wirkung und wirtschaftlichen Erfolg zusammenzuführen
Wie ist die Idee zu Lemonaid entstanden und wer steckt hinter der Marke?
Das ist eine längere Geschichte. Für mich war klar, dass ich meine Privilegien für etwas Sinnvolles einsetzen möchte. Am Ende wollte ich nicht „nur“ mein Eigenheim abbezahlen, sondern Menschen unterstützen, die sich in einer weniger komfortablen Situation befinden. So bin ich zunächst in die Entwicklungszusammenarbeit für die Bundesregierung hinein geraten. Hier fehlte mir jedoch das effizienzgetriebene Denken, dass in meinen Augen jedem Projekt, das Impact erzeugen will gut tut. Dies führte dann zur Gründung eines Social Business. Obwohl es diesen Begriff damals noch nicht einmal gab. Wir sind ein Dinosaurier der Szene.
Warum war euch von Anfang an wichtig, wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Wirkung zu verbinden?
Die Wirtschaft ist der stärkste und wichtigste Motor dieses Planeten. Es ist ein System, welches sich schlicht bewiesen hat. Das Effizientere und Nützlichste macht das Rennen – was dieser subjektive Nutzen auch immer sein mag. Da sich hieran historisch viele unverhältnismäßig bereichert haben, hat die Wirtschaft einen sehr negativen Ruf bekommen. Für viele ist sie sogar „böse“.
In meinen Augen wird hier allerdings fälschlicherweise ein System beschuldigt, das an sich nicht das Problem ist. Das mögliche „Böse“ ist, wenn überhaupt, der Nutzer.
Ich wollte mit unserem Projekt dafür inspirieren, dass die Gründung eines Unternehmens sehr wohl auch soziale Zwecke verfolgen und erfüllen kann. Und positive Effekte der gesamten Wertschöpfung möglich sind.
Was bedeutet fair gestaltete Wertschöpfung konkret für Lemonaid?
Es bedeutet, dass jede wertschaffende Gruppe entlang der Erschaffung des Produktes ein würdevolles Leben führen kann. Das bedeutet sowohl wirtschaftlich als auch gesundheitlich. Insofern war es für mich immer klar, im Bereich der Lebensmittel ausschließlich biologisch zertifizierte Landwirtschaft zu fördern. Und ein System zu fördern, oder sogar selbst zu erschaffen, das neue positive wirtschaftliche Perspektiven ermöglicht.
Wie schafft ihr es, soziale Verantwortung und Wachstum miteinander zu verbinden?
Das ist nicht so schwer, wie es klingt. Wir haben von Beginn an ein einfaches System erschaffen. Mit jedem von uns verkauftem Produkt wird ein Fixbetrag des Umsatzes an gemeinnützige Projekte weitergegeben. Das können wir kommunizieren und ist ein Baustein der unabhängig aller anderen Themenfelder einzukalkulieren ist. Die Kunden erfreuen sich ihres Beitrages und wir haben ein klares, transparentes System. Zusätzlich schauen wir natürlich sehr darauf, dass auch alle anderen Partner an der Wertschöpfung gut verdienen. Auch die Mitarbeitenden und Partner, die hier in Europa unsere Produkte verkaufen.
Lemonaid spricht davon, eine AG „anders zu denken“. Was genau meint ihr damit?
Wir gehen den nächsten Schritt. Für viele ist eine AG per se erstmal „gross und negativ“. Das ist aber wieder nur der Nutzung des Systems zuzuschreiben. Nicht dem System selbst. Das Aktienrecht an sich ist eigentlich sehr demokratisch und sozial. Und setzt Teilhaberschaft sehr hoch an. Was an sich gut ist. Negativ wurde der Ruf dadurch, dass Großinvestoren, diese demokratische Macht „bündeln“ und somit eben nicht der Eindruck eines ausgewogenen Unternehmes entsteht. Wenn wir uns den DAX angucken ist es eben Tatsache, dass ein Blackrock einer der größten Aktionäre ist. Und das ist sicher in den meisten Ländern so. Hier gehen wir bewusst einen anderen Weg. Wir wollen unsere SupporterInnen und Gleichgesinnten Teilhaberschaft ermöglichen. Direkt. Ohne „Broker. Wie genau das aussehen wird, werden wir zeitnah veröffentlichen. Fest steht, dass es ein sehr ungewöhnlicher Weg sein wird.
Warum ist die neue Unternehmensstruktur für euch mehr als nur ein wirtschaftlicher Schritt?
Weil wir erneut aufzeigen wollen, dass nicht das System das Problem ist, sondern die Nutzerschaft. Eine AG kann ein Social Business sein. Eine AG kann demokratisch strukturiert sein. Und eine AG kann allen entlang der Wertschöpgunskette Nutzen bringen. Eine Hauptversammlung kann Freude bringen – und es darf getanzt werden. Es muss kein grauer Börsensumpf sein. Hier wollen wir erneut Pionierarbeit leisten. Zeigen, dass es geht.
Welche Rolle spielt gesellschaftliche Wirkung heute für eure strategischen Entscheidungen?
Es ist der wichtigste Punkt bei allem, was wir tun: Was bedeutet mein Handeln für die Gemeinschaft? Von Südafrika und Indien bis in den Berliner Club. Überall.
Was unterscheidet Lemonaid von klassischen Getränkeunternehmen?
Es war nie unser Ansinnen, andere aus dem Getränkemarkt zu verdrängen und uns über Marketing an die Spitze zu arbeiten. Wir wollen die Getränke als Mittel zum Zweck nutzen. Gute Bioprodukte über die gesprochen wird, weil sie gesellschaftliche Relevanz haben. Weil sie Dinge thematisieren, die für die Gemeinschaft wichtig sind.
Warum war euch ein divers besetzter Aufsichtsrat mit Persönlichkeiten aus Kultur, Sport und Gesellschaft wichtig?
Mit dem, was ich gerade beschrieben habe, ist ein divers besetzter AR selbstredend. Er ergibt sich automatisch. Wenn verschiedene Sichtweisen inkludiert werden sollen, macht ein Gremium aus Ex-Vorständen etablierter Unternehmen keinen Sinn. Es braucht den Blick aus allen Ecken der Gesellschaft. Es braucht ein Gremium von Menschen, die aus Ihrer Box herausgucken wollen.
Welche Herausforderungen begegnen euch aktuell auf dem Weg in die nächste Wachstumsphase?
Wir sind zu 100% in Gründerhand. Das ist sehr selten. Wir wollten nie Großinvestoren beteiligen. Auch hier wieder um aufzuzeigen, dass dieser Weg denkbar ist. Und das erfolgreich. Nach 17 Jahren wollen wir uns aber auch für die Unterstützerinnen öffnen. Und gemeinsam noch mehr Wirkung erzeugen. Das geht zusammen viel besser als allein. Es gab jedoch länger nicht die passenden Strukturen. Denn eine AG ohne Börse war lange Zeit schwer denkbar.

Gab es Momente, in denen ihr bewusst gegen klassische Marktlogiken entschieden habt?
Die Logik des Marktes war nie unser Gegner. Die Spielregeln gelten für alle gleich. Auch für uns. Wir müssen das, was wir ausgeben, erwirtschaften. Langfristig. Wir müssen den Kunden etwas bieten, das attraktiver ist als die Alternativen. Diese Regeln haben wir stets im Blick gehabt und respektiert. In meinen Augen sind die Regeln sehr wichtig. Es ist nun nur die Frage, wie du auf dem Weg deiner Reise an die Konsequenzen für deine Mitmenschen denkst. Hier haben wir andere Maßstäbe gesetzt. Das kann aber theoretisch jede. Ohne damit die Wirtschaft zu verfluchen.
Wie blickt ihr auf die Zukunft von Social Businesses in Deutschland?
Wir sind stolz und froh, dass es mittlerweile über 500 Social Businesses gibt. Tendenz stark steigend. Natürlich sind wir hierfür nicht verantwortlich. Wir haben allerdings sicher ein wenig dazu beigetragen, dass andere auch mehr Mut haben konnten, den Schritt zu wagen. Gleichzeitig weht global gerade ein sehr harter und egozentrischer Wind. Politisch und wirtschaftlich. Ich hoffe, dass hier nach Regen wieder Sonne kommt. Schnell.
Welche nächsten Entwicklungen plant ihr aktuell für Lemonaid?
Wir sind weiterhin erst am Anfang unserer Reise. Wir verkaufen bereits in über 35.000 Läden und über 25 Ländern. Von Singapur bis Norwegen. Von Wholefoods über das Mandarin Oriental bis hin zum Berliner Kellerklub. Gleichzeitig ist das Potential noch nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft. Wir planen dieses Jahr mit über 40 Millionen verkauften Produkten. Eine Verzehnfachung haben wir schon hinter uns – die kann aber genauso gut weiterhin in die Zukunft projiziert werden. Im Kosmos der Getränkewelt haben wir eine Marke erschaffen, die im nächsten Schritt ihre Kraft erst entfalten wird. Davon bin ich recht überzeugt.
Wir werden somit alles in den Ausbau der internationalen Märkte stecken. Unser Büro in London und Paris werden weiter wachsen. Es sind die für uns stärksten Wachstumstreiber. Und die Welt da draussen ist gross. Da stehen wir weiterhin ganz am Anfang.
Welche drei Ratschläge würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?
Ich bin nicht der Typ für Ratschläge. Ich habe selbst erfahren, dass Naivität nicht unbedingt schlecht ist. Als Gründer Wenn ich alles bis ins letzte Detail durchplane fängt meist niemand an. Wer nichts macht, macht zwar auch nichts falsch – aber es ist die falsche Denke. Es sollte dem Neuen eine Chance gegeben werden. Und wenn das dann noch das Wohl der Allgemeinheit befeuert, perfekt!
Bild: v.l.n.r. Die Aufsichtsratsmitglieder von Lemonaid. Nachhaltigkeitsforscher Prof. Dr. Markus Beckmann, Unternehmer und Strategieexperte Christoph Korittke, Aktivistin und Vereinsvorständin Aileen Puhlmann, Profifußballer Jackson Irvine und Gründer Paul Bethke. Fotocredits: Lemonaid
Wir bedanken uns bei Paul Bethke für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder
Premium Start-up: Lemonaid

Kontakt:
Lemonaid Beverages AG
Neuer Kamp 31
20359 Hamburg
https://www.bethechange.lemon-aid.de/
wenke.blumenroth@lemonaid.de
+49 40 226 30 35 0
Ansprechpartner: Wenke Blumenroth

























