Gilda Sahebi hat es sich zur Aufgabe gemacht, Spaltungserzählungen in Politik, Medien und Alltag sichtbar zu machen. Im Interview mit herCAREER spricht die Journalistin über Mechanismen und Phänomene, die Spaltung instrumentalisieren – und darüber, warum es so schwer ist, ihnen zu widerstehen. Denn auch wenn Spaltungserzählungen nicht der Wahrheit entsprechen: Die Gefühle, die sie auslösen, sind real. Wer Verbindung wiederherstellen will, muss deshalb zunächst verstehen, wie Spaltung funktioniert.
„Spaltungserzählungen basieren auf Vereinfachungen, die der Komplexität von uns Menschen und der Gesellschaft nicht gerecht werden.“
herCAREER: Du beginnst dein Buch mit dem Konzept des Kulturkampfs. Ein Begriff, der von den Medien gerne für die Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Liberalen verwendet wird. Was genau steckt dahinter?
Gilda Sahebi: Der Kulturkampf ist eine konstruierte Spaltungserzählung, die uns aufgezwungen wurde. Wichtig zu verstehen ist: Im Narrativ des Kulturkampfs steckt die Behauptung, dass es zwei Lager gäbe, als würde die gesamte Gesellschaft gegeneinander kämpfen. Aber dafür gibt es keine belastbaren Daten. Wir kämpfen nicht – wir sollen kämpfen!
herCAREER: Warum? Und wogegen? Historisch betrachtet war der Kulturkampf ein Machtstreit zwischen Staat und Kirche. Aber worum geht es im aktuellen vermeintlichen Kulturkampf? Rechte gegen Linke? Tradition gegen Moderne? Männer gegen Frauen?
Gilda Sahebi: Es geht um Gut gegen Böse. Aber diese Auseinandersetzung ist reine Projektion. Denn für die einen ist links böse, für die anderen rechts. Und was heißt überhaupt „links“? Was bedeutet „rechts”? Spaltungserzählungen basieren auf Vereinfachungen, die der Komplexität von uns Menschen und der Gesellschaft nicht gerecht werden.
herCAREER: In deinem Buch beschreibst du an vielen Stellen, wie schnell sich diese Spaltung in nicht wahren, aber sehr wahr wirkenden Erzählungen manifestiert. So kommt es zu Stereotypisierungen wie „alle AfD-Wähler:innen sind rechtsradikal”, „alle Linken gendern” oder „alle Feminist:innen sind vegan”.
Gilda Sahebi: Das sind alles Beispiele für das sogenannte „minimale Gruppenparadigma“. Genauso funktioniert das menschliche Gehirn: Es ordnet, sortiert und assoziiert. In den Medien werden uns ständig Menschen präsentiert, die entweder als „woke” oder „rechts” eingestuft werden und vermeintlich alle Eigenschaften erfüllen, die mit diesen Begriffen assoziiert werden. Wir verallgemeinern und denken dann beispielsweise: Alle, die an einer Pro-Palästina-Demo teilnehmen, seien antisemitische Querdenker:innen, die Hafermilch trinken. Das ist natürlich Quatsch! Während der Stadtbild-Debatte habe ich einen Post geschrieben und gefragt: „Was ist eigentlich mit Menschen, die traditionell leben, konservativ sind, heimatverbunden und vielleicht christlich, aber keine Ausländer hassen? Wen wählen die eigentlich?” Darauf haben mehrere Leute kommentiert: „Solche Leute gibt es doch gar nicht.“ Natürlich gibt es die! Aber die Debatte ist so polarisiert, dass wir diese Menschen nicht mehr sehen.
herCAREER: Wir gegen die. Affektive Polarisierung – auch das beschreibst du im Buch – ist dieses Gefühl, wenn ich den Inhalt der Auseinandersetzung nicht mehr wahrnehme, weil ich bereits emotional in der umfassenden Abwertung der Gegenseite gefangen bin. Warum ist das gefährlich?
Gilda Sahebi: Spaltungserzählungen sind ein Herrschaftsinstrument – vor allem ein Instrument autoritärer Herrschaft – und ohne sie können autoritäre Kräfte nicht aufsteigen. So machen es Donald Trump, die AfD, Benjamin Netanjahu und das iranische Regime. Die stellen sich hin und sagen: „Wir sind die Guten und die dort sind die Bösen. Und damit ihr alle eine bessere Zukunft habt, haben wir hier folgenden Plan.“ In Wirklichkeit bringen sie keine Lösung, sondern ringen um Macht.
herCAREER: Der Soziologe Steffen Mau hat eine Bezeichnung für Menschen, die von Spaltung profitieren. Er nennt sie „Polarisierungsunternehmer:innen“. Wer sind diese Menschen?
Gilda Sahebi: Politiker:innen wie Donald Trump und Alice Weidel, aber auch Unternehmen wie Meta, TikTok, Nius – Julian Reichelt! Der ist derzeit mit einem Buch, das explizit spalten soll, auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste (Paperback). Das zeigt, wie gut dieses Konzept funktioniert: Spaltung bringt Profit.
herCAREER: Wer gewinnt, wenn Frauen und Männer gegeneinander ausgespielt werden? Ich spiele da auf die aktuelle Debatte um genderspezifische digitale Gewalt an.
Gilda Sahebi: Auch die Frauen-gegen-Männer-Erzählung wird von den Autoritären instrumentalisiert und befeuert. Es ist ein Fakt, dass Gewalt überwiegend von Männern ausgeübt wird. Aber die Zuspitzung auf „Frauen-gegen-Männer“ ist eine Strategie der Spaltung, eine Ablenkung, die notwendige gesellschaftliche Veränderung ausbremst. So gerät in Vergessenheit, dass es unserer Gesellschaft besser ginge, wenn es überhaupt keine Gewalt und keinen Missbrauch gäbe – und zwar ginge es auch Männern besser, nicht nur Frauen
Und damit will ich nicht sagen, dass Frauen keinen Grund haben, wütend zu sein. Sie haben jeden Grund dazu! Und dann kommt auch noch ein Bundeskanzler dazu, der alles verharmlost und relativiert. Man hat den Eindruck, dass es nicht darum gehen soll, wirklich Verbesserungen zu erwirken.
herCAREER: Friedrich Merz relativiert systematische Gewalt gegen Frauen nicht nur, sondern instrumentalisiert sie für eine rassistische Agenda. Was passiert da?
Gilda Sahebi: Friedrich Merz sagt, dass systematische sexualisierte Gewalt gegen Frauen ein Zuwanderungsproblem sei. Eine klassische autoritäre Spaltungserzählung. Und anstatt sich nach starkem Gegenwind dafür zu entschuldigen und einen Fehler einzugestehen, geht er nicht in eine differenzierte Debatte über seine Aussage, sondern sagt: „Ich werde mich nicht beirren lassen, das Problem mit der Integration anzusprechen.“ Er rationalisiert seine systematische Abwertung, indem er seine Spaltungserzählung zementiert: Er bestimmt immer wieder „die Bösen“ und normalisiert so das Bild von einem „Wir gegen die“. Das nennt sich „Doubling-Down-Effekt“.
herCAREER: Wie könnte der Bundeskanzler in diesem Moment verbinden statt spalten?
Gilda Sahebi: Er hätte die Chance gehabt zu sagen: „Meine Aussage war falsch.“ Oder: „Redet mit mir, ich höre euch zu, ich möchte dazulernen.“ Er nimmt stattdessen in Kauf, dass er den autoritären Kräften, der AfD, in die Hände spielt.
herCAREER: Wer ist dafür verantwortlich, dass diese Spaltungserzählung ständig reproduziert wird?
Gilda Sahebi: Ich mache die demokratischen Parteien dafür verantwortlich. Wenn sich demokratische Politiker:innen dem autoritären Weg anschließen, um ihre eigene Macht und ihre Ämter zu sichern, dann sind sie für den Zerfall der Demokratie verantwortlich. In ihrem Buch „Wie Demokratien sterben” schreiben die Politikwissenschaftler Daniel Ziblatt und Steven Levitsky, dass circa 25 bis 30 Prozent einer Gesellschaft dem autoritären Weg zugeneigt sind, da sie sich Klarheit und starke Führung wünschen. Das sind jedoch nicht genug Menschen, um eine Demokratie zu gefährden – solange sich die demokratischen Parteien nicht falschen Narrativen hingeben. Und natürlich tragen auch mediale Dynamiken Verantwortung. Die Zivilgesellschaft versucht bereits, an vielen Stellen Gemeinschaft herzustellen. Aber ich frage mich auch, was sollen die Bürger:innen noch alles machen? Sie gehen schon auf die Straße, starten Petitionen und jetzt werden den demokratischen Zivilorganisationen auch noch gezielt Gelder entzogen. Es wäre die Aufgabe der demokratischen Parteien, sich für die politische Bildung und den Erhalt der Demokratie einzusetzen.
herCAREER: Warum ergreift nicht jedes Mal ein Politiker das Wort, warum schreibt nicht jede Zeitung auf der Titelseite, dass Friedrich Merz die Unwahrheit gesagt hat? Es gibt klare Daten, die zeigen, dass geschlechtsspezifische Gewalt in Deutschland überwiegend von weißen deutschen Tätern ausgeübt wird.
Gilda Sahebi: An der Frage des „Warum” kann man verzweifeln. Ich denke, weil sie den innerparteilichen Kampf für wichtiger erachten als den gesamtgesellschaftlichen. Wenn man so etwas macht, muss einem die Zukunft der Gesellschaft schon sehr egal sein. Eines ist sicher: Es geht immer um Macht. Und es gibt sie ja, die Abgeordneten, die sich hinstellen und sagen: „Herr Bundeskanzler – Sie reden Schwachsinn.“ Aber es ist schier unmöglich, mit vereinzelten Personen eine etablierte Struktur zu verändern.
herCAREER: Jetzt stellt sich die Frage: Was machen wir damit?
Gilda Sahebi: Die Frage bekomme ich oft gestellt. Aber ich kann sie nicht beantworten, ich habe gewiss nicht alle Antworten. Ich kann nur beschreiben, was ich als Probleme sehe, und mit diesem Wissen zeigen sich oft auch Lösungen. Aber ich kann niemandem sagen, was er oder sie tun soll. Alles, was ich weiß – und das schreibe ich auch in meiner Einleitung zum Buch: „Der erste Schritt ist Wissen.“
herCAREER: Was bedeutet das – dass wir bessere Bildung brauchen? Dass es bei uns selbst beginnt?
Gilda Sahebi: Wir können als Individuen sehr viel bewirken, wenn wir verstehen und handeln. Daran glaube ich fest. Die Welt verändert sich, wenn sich ein Mensch verändert. Das kann eine Erzieherin erreichen, indem sie mit Kindern über Emotionen spricht, oder ein Großvater, der seinem Enkel vorliest. Eine Frau, die sich nicht mehr von ihrem Vorgesetzten abwerten lässt, verändert ebenfalls ein patriarchales Muster. Gleichzeitig geht es in meinem Buch um Strukturen. Um die zu beeinflussen, ist es wichtig, auf den politisch-medialen Raum einzuwirken, so gut wir können. Schreibt den Redaktionen! Wenn euch etwas ärgert, wenn ein Thema politisiert wird – oder auch, wenn etwas besonders differenziert dargestellt wurde. Denn Hater schreiben unentwegt – das führt in den Redaktionen dazu, dass eine Angst davor herrscht, als „links“ betrachtet zu werden. Wir müssen die Strukturen, die Welt und uns selbst besser verstehen, um handeln zu können. Das können wir jetzt tun.
herCAREER: Brauchen wir dennoch Schulfächer wie „Macht und Hierarchie“ und eben „Medienkompetenz“?
Gilda Sahebi: Ich plädiere für das Fach „emotionale Bildung“. Wenn Kinder und Jugendliche verstehen, wie Emotionen funktionieren, lernen sie auch, wie Manipulation funktioniert. Wenn Menschen ihren eigenen Schatten kennen und verstehen, verstehen sie auch Projektion und menschlichen Antrieb. Emotional kompetente Menschen wollen nicht gefallen – sie wollen verstehen.
Sie werden automatisch machtkritisch und haben alle Grundlagen für Medienkompetenz. Es ist absurd, dass wir in diesem Land Emotionen von allem trennen, auch von Politik.
herCAREER: Was macht dir Hoffnung?
Gilda Sahebi: Menschen. Ich treffe so tolle Menschen, wenn ich beruflich unterwegs bin! Mein Buch richtet sich darum auch an die Gesellschaft und nicht an die Politik. Denn die zeigt sich nicht bereit, etwas zu verändern. Die Menschen dagegen schon.
Das Interview führte herCAREER-Redakteurin Kristina Appel.
Bildcredits: herCAREER – Franz Pfluegl
Quelle messe.rocks GmbH


























