hey circle setzt auf Mehrweg, um jede Verpackung im Versand mehrfach zu nutzen und so Abfall sowie CO₂ nachhaltig zu reduzieren.
Können Sie hey circle kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee zur Gründung des Unternehmens entstanden ist?
hey circle steht für Kreislauflogistik im Versand – unser Leitmotiv ist „choose reuse“. Wir ersetzen den klassischen Einwegkarton durch robuste Mehrweg Boxen und Versandtaschen, die im Schnitt für rund 50 Umläufe genutzt werden können, bevor sie recycelt werden. Die Idee entstand aus einem sehr persönlichen Widerspruch: 2019 wollte ich mit meiner Arbeit unbedingt einen positiven Impact schaffen. Als zweifache Mutter habe ich viel online bestellt und mich jedes Mal geärgert, dass eine eigentlich wertige Verpackung nach einem einzigen Transportweg im Müll landet – eine nachhaltige Versandlösung gab es schlicht nicht. Statt das hinzunehmen, habe ich meinen Konzernjob verlassen und hey circle gegründet, mitten in der Anfangszeit der Pandemie.
Wer steht hinter hey circle, und welche Erfahrungen haben Sie dazu motiviert, Mehrweg Versandverpackungen zu entwickeln?
Als Founder und CEO verantworte ich hey circle, dahinter steht ein engagiertes Team. Motiviert haben mich der wachsende E Commerce und die Abfallberge, die er produziert: Milliarden Einwegkartons pro Jahr, die nach einem Weg entsorgt werden. Aus meiner Zeit in einem großen Unternehmen wusste ich, wie stark am Ende die Wirtschaftlichkeit über solche Entscheidungen bestimmt. Mir war deshalb wichtig, keine Öko Nische zu bauen, sondern zu zeigen, dass Mehrweg im Versand betriebswirtschaftlich funktioniert. Auf diesem Weg begleiten uns Menschen, die Mehrweg im Massenmarkt kennen: etwa Fabian Eckert, Gründer von RECUP, als Strategic Advisor sowie Impact orientierte Investoren.
Welche Vision verfolgen Sie mit hey circle, und wie möchten Sie den Versandhandel langfristig nachhaltiger gestalten?
Unsere Vision ist, dass Mehrweg im Versand zum Normalfall wird. Heute ist Wegwerfen der Standard, und genau diese Logik wollen wir auflösen. Jede Verpackung soll dutzende Male im Kreislauf laufen, digital erfasst und damit messbar. Langfristig soll es selbstverständlich werden, Waren in einer Verpackung zu verschicken, die zurückkommt und wieder eingesetzt wird – über Branchen und Unternehmen hinweg.
An welche Zielgruppen richtet sich hey circle hauptsächlich, und welche Herausforderungen lösen Sie für den E Commerce und den B2B Versand?
Wir richten uns aktuell primär an Unternehmen mit B2B Warenströmen in Deutschland und Österreich. Besonders stark sind wir überall dort, wo Versandkreisläufe ohnehin geschlossen sind: Austausch und Reparatur, Muster und Auswahlsendungen, Verleih, Filialbelieferung, Rücksendungen und die Belieferung durch Zulieferer. Zuhause sind wir dabei unter anderem im Gesundheitshandwerk, im IT und Elektronik Refurbishment, bei Konsumgütermarken und bei industriellen Zulieferern. Wir lösen dort drei Probleme auf einmal: Wir vermeiden bis zu 94 Prozent Abfall und bis zu 76 Prozent CO2, senken die Kosten für Verpackungskauf deutlich und machen unsere Kunden gleichzeitig fit für die kommenden Mehrwegpflichten der EU Verpackungsverordnung (PPWR).
Mit Ihren Mehrwegboxen und Versandtaschen ersetzen Sie den klassischen Einwegkarton. Was macht Ihr Konzept aus Ihrer Sicht besonders?
Das Besondere ist die Kombination aus Robustheit und Alltagstauglichkeit. Unsere Verpackungen sind auf viele Umläufe ausgelegt und ihre Stabilität wurde deshalb intensiv mit Stapeldruck, Fall und Dauertests auf Transportbändern geprüft. Trotzdem können sie für Retoure und Lagerung flach zusammengefaltet werden. Entscheidend ist ein Detail, das man erst in der Praxis sieht: Unsere Boxen sind von allen Paketdiensten getestet und freigegeben und laufen ohne Sperrgut Zuschlag über die normalen Sortierbänder der Paketzentren. Hartschalen Alternativen werden dagegen als Sperrgut mit Aufpreis eingestuft. Dazu kommt die digitale Erfassung über den GS1 GRAI (Global Returnable Asset Identifier) und die Möglichkeit, Produkte ab 1.000 Stück individuell anzupassen.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen dabei, Mehrwegverpackungen in bestehende Logistik und Versandprozesse zu integrieren?
Die größte Hürde ist, dass die gesamte Logistik über Jahrzehnte auf Einweg optimiert wurde. Am Anfang steht immer ein Umdenken: Die Verpackung ist plötzlich ein Wertgegenstand, der zurückkommen soll, kein Wegwerfartikel. Praktisch heißt das vor allem, die Rückführung sauber und wirtschaftlich zu organisieren, denn für einen leeren Rückversand erheben die Paketdienstleister das normale Porto – eine Sonderregel für Mehrwegbehälter gibt es (noch) nicht. Deshalb lohnt sich Mehrweg besonders, wenn die Verpackung mit Ware zurückgeschickt wird oder leere Verpackungen gebündelt kosteneffizient zurückgeführt werden.
Wie wichtig ist die Kombination aus wiederverwendbarer Verpackung und digitaler Verwaltung für den Erfolg Ihres Systems?
Sobald eine Verpackung mehrfach läuft, muss man wissen, wo sie ist, wie oft sie schon im Einsatz war und was sie eingespart hat. Genau das leistet unser IT System über die GRAI Identifikationsnummer: Es erfasst die Umläufe und die eingesparten Ressourcen. Das macht den Impact für unsere Kunden überhaupt erst messbar und liefert die Nachweise, die sie künftig für die Mehrwegquoten der EU Verpackungsverordnung brauchen. Mehrweg ohne Daten skaliert nicht – die digitale Verwaltung ist das Rückgrat des ganzen Kreislaufs.
Welche Rolle spielt die Akzeptanz der Verbraucher und Unternehmen für den weiteren Ausbau von Mehrweg Versandslösungen?
Eine ganz zentrale. Auf der Verbraucherseite entscheidet, wie leicht die Rückgabe ist – je einfacher, desto höher die Rücklaufquote. Auf Unternehmensseite müssen die Wirtschaftlichkeit und der Nachweis stimmen. Beides bewegt sich gerade spürbar: Die EU Verpackungsverordnung schafft Druck und Planungssicherheit, und unsere ersten Referenzen zeigen, dass das System im Alltag trägt – etwa Prinoa Dental, die Österreichische Post mit Post Loop, pricon in der Augenoptik oder Interzero im Geräteversand. Solche Beispiele nehmen die Skepsis, weil sie belegen, dass Mehrweg kein Idealismus ist, sondern funktioniert. Es sind die kleinen Schritte, die am Ende die große Hebelwirkung haben.
Welche neuen Entwicklungen oder Pläne stehen bei hey circle aktuell im Fokus?
Der größte Treiber ist die EU Verpackungsverordnung (PPWR), deren Pflichten ab dem 12. August 2026 greifen und die ab 2030 verbindliche Mehrwegquoten für Transportverpackungen bringt. Das ist enormer Rückenwind für uns. Produktseitig führen wir noch einfachere Verschlusslösungen ein und verbessern die Bündelbarkeit. Dazu bieten wir noch mehr Möglichkeiten zur individuellen Anpassung. Und wir rollen unsere Lösung gezielt in weiteren Branchen aus, vom Gesundheitshandwerk bis zur industriellen Zulieferung. Insgesamt liegt der Fokus klar auf Wachstum und Skalierung.
Sie sind Teil des GS1 Germany Accelerators butterfly & elephant. Welche Erwartungen verbinden Sie mit dem Programm, und wie unterstützt es die Weiterentwicklung von hey circle?
butterfly & elephant setzt auf „Smart Capital & Smart Connections“, also auf die Kombination aus Kapital und einem sehr konkreten Netzwerk, das genau zu uns passt. GS1 ist die globale Organisation hinter Standards wie GTIN oder GRAI. Letzteren nutzen wir bereits für die Identifikation und digitale Rückverfolgbarkeit unserer Verpackungen. Interoperable Standards sind die Voraussetzung dafür, dass Mehrwegkreisläufe hersteller und unternehmensübergreifend funktionieren. Deshalb ist GS1 für uns ein natürlicher Partner. Ich erwarte mir vom Programm vor allem den Zugang zum GS1 Germany Netzwerk mit über 97.000 Unternehmen in Deutschland, das Know how rund um Standardisierung sowie ein Sparring auf Augenhöhe, das unsere Vision stärkt.
Welche Impulse oder wertvollen Kontakte konnten Sie durch butterfly & elephant bereits gewinnen, und welchen Einfluss haben diese auf Ihr Unternehmen?
Der wichtigste Effekt ist für uns der Zugang zu einem Netzwerk, das genau unsere Zielgruppen abdeckt – etablierte Player aus Handel und Konsumgüterindustrie, an die man als junges Unternehmen sonst nur schwer herankommt. Sehr wertvoll ist außerdem der fachliche Austausch mit den GS1 Experten zu Standards für Mehrwegobjekte, also etwa wie sich eine Verpackung als „digitaler Zwilling“ über die GRAI Identifikationsnummer eindeutig und branchenübergreifend abbilden lässt – ein Thema, das mit den kommenden Nachweispflichten der PPWR stark an Bedeutung gewinnt. Dazu kommen das Sparring mit dem Accelerator Team und der Blick anderer Gründerinnen und Gründer auf unsere Themen. Insgesamt hilft uns das Programm, unser System anschlussfähig für die großen Warenströme zu machen.
Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die mit nachhaltigen Lösungen etablierte Märkte verändern möchten?
Erstens: Löst ein echtes wirtschaftliches Problem, nicht nur ein moralisches. Nachhaltigkeit setzt sich im Markt über Kosten, Nutzen und Regulatorik durch, nicht über das gute Gewissen – die ökologische Wirkung ist dann das starke Zusatzargument.
Zweitens: Baut für die reale Prozesswelt und holt euch früh ehrliches Feedback. Redet mit Logistik, Handel und den Menschen, die eure Lösung täglich nutzen sollen. Als Gründerin muss man nicht in allem Expertin sein – viel wichtiger ist, die richtigen Fragen zu stellen und Leuten zuzuhören, die den Markt wirklich kennen.
Drittens: Bringt Geduld und Beharrlichkeit mit. Etablierte Märkte ändern sich langsam, und man verändert sie nicht mit einem großen Wurf, sondern mit vielen kleinen Schritten, verlässlichen Partnern und der Ausdauer, dranzubleiben, bis Regulatorik und Markt kippen. Es sind die kleinen Schritte, die den großen Impact haben.
Bildcredits hey circle
Wir bedanken uns bei Doris Diebold für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

















