innocept mobility entwickelt mit OmniCharge eine Softwarelösung, mit der Betreiber ihre Ladeinfrastruktur steuern, abrechnen und wirtschaftlicher betreiben können.
innocept mobility ist Finalist für Frankfurt Forward Startup of the Year!
Stellt euch und euer Startup unseren Leserinnen und Lesern kurz vor. Wer und was steckt hinter innocept mobility?
innocept mobility ist ein Spin-off der TU Darmstadt mit Sitz in Frankfurt am Main. Wir entwickeln OmniCharge – ein Charge Point Management System, also die Software, mit der Betreiber ihre Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge steuern, abrechnen und wirtschaftlich betreiben.
Hinter dem Unternehmen stehen zwei Gründer. Ich bin Masih Akbar, seit 2019 in der E-Mobilität, und verantworte Sales und Investor Relations – ich sitze also täglich mit Betreibern am Tisch. Mein Mitgründer Dmytro Khodyryev ist CTO und seit Tag eins dabei, er hat OmniCharge konzipiert und vollständig entwickelt.
Heute laufen über unsere Plattform Ladepunkte an etwa 200 Standorten in Deutschland und in Schweden. Unsere Kunden sind gewerbliche Ladeinfrastruktur-Betreiber, deren Standorte unter anderem bei Banken, Gewerbeimmobilien und Mobilitätsanbietern stehen.
Was hat euch dazu motiviert, ein eigenes Unternehmen zu gründen? Gab es einen besonderen Moment oder Auslöser?
Der Auslöser war weniger ein Moment als eine Beobachtung, die sich in Gesprächen ständig wiederholt hat.
Ladeinfrastruktur wird gerade überall gebaut – der Ausbau ist politisch gewollt und teilweise gesetzlich vorgeschrieben. Profitabel betrieben wird sie aber fast nirgends. Und wenn man sich anschaut, warum, landet man erstaunlich schnell bei der Software: Sie ist für die größten Netze gebaut, entsprechend teuer, überladen und kaum anpassbar. Betreiber mittlerer Größe bekommen damit ein System, das ihre eigentlichen Fragen gar nicht beantwortet.
Der entscheidende Punkt kam, als klar wurde, dass diese Lücke kein Randphänomen ist, sondern die Regel. Da haben wir das Unternehmen konsequent auf diese unterversorgte Gruppe ausgerichtet und den Pivot vollzogen. Aus einem Hochschulprojekt wurde ein Produktunternehmen mit einem klaren Markt – und das war rückblickend die eigentliche Gründung.
Welche Vision verfolgt ihr mit innocept mobility? Was wollt ihr langfristig verändern oder möglich machen?
Unsere Vision klingt zunächst unspektakulär: Wir wollen, dass sich Ladeinfrastruktur rechnet. Aber genau daran hängt der gesamte Hochlauf der Elektromobilität.
Der Zusammenhang ist einfach. Wer mit seinen ersten zehn Ladepunkten kein Geld verdient, baut die nächsten fünfzig nicht. Jeder Standort, der wirtschaftlich läuft, ist damit ein Argument für den nächsten. Solange der Betrieb ein Zuschussgeschäft bleibt, bleibt der Ausbau eine Frage von Fördermitteln statt von unternehmerischer Entscheidung.
Konkret möglich machen wollen wir vor allem eines: Multi-Use. Also privates Laden, Flottenladen, Quartiersladen und öffentliches Laden am selben Ladepunkt, mit automatisch geregelten Zugängen, Prioritäten und Tarifen je Nutzergruppe. Damit wird Infrastruktur nutzbar, die heute zum Beispiel nach Feierabend ungenutzt herumsteht – beim Handwerksbetrieb, beim Supermarkt, im Wohnquartier. Langfristig wollen wir das führende Multi-Use-CPMS in Europa sein.
Von der Idee bis heute: Was waren bisher eure größten Herausforderungen – und wie habt ihr eure Finanzierung aufgestellt?
Die größte Herausforderung war nicht technischer, sondern strategischer Natur: herauszufinden, für wen wir eigentlich die beste Lösung am Markt sind – und für wen ausdrücklich nicht.
Wir haben dafür sehr systematisch ausgewertet, warum wir Aufträge gewinnen und warum wir sie verlieren. Das Ergebnis war unbequem und extrem hilfreich zugleich: Wir gewinnen dort, wo Service, Tempo und Anpassbarkeit zählen, und wir verlieren dort, wo Konzerngröße und -reife gefragt sind. Lange haben wir versucht, auch die zweite Gruppe zu überzeugen. Diese Zeit hätte an anderer Stelle deutlich mehr bewirkt.
Finanziell sind wir bewusst kapitaleffizient unterwegs. Wir haben eine Pre-Seed in mittlerer sechsstelliger Höhe aufgenommen – ein Teil davon nicht-verwässernd, dazu eine stille Beteiligung der BMH sowie ein Investment von Campana & Schott, die als Corporate Business Angel und Gesellschafter an Bord sind. Aktuell finanzieren wir über eine weitere Runde, bei der wir neben unseren Bestandsinvestoren vor allem auch weitere Business Angels ansprechen.
Für wen entwickelt ihr eure Lösungen? Wer zählt zu eurer wichtigsten Zielgruppe?
Unsere Zielgruppe ist sehr scharf gezogen: Charge Point Operator mit etwa 50 bis 1.500 Ladepunkten, die einen gemischt genutzten Anteil in ihrem Portfolio haben.
Diese Gruppe ist strukturell unterversorgt bzw. fehlerhaft versorgt. Für die großen Anbieter ist sie zu klein, um wirtschaftlich betreut zu werden – Anpassungsentwicklung stellen die Etablierten ab einer bestimmten Kundengröße schlicht ein. Gleichzeitig ist sie zu groß und zu anspruchsvoll für einfache Standardlösungen.
Wenn ich es auf eine Person herunterbrechen soll: Wir entwickeln für den operativen Sachbearbeiter, der oft 50 bis 1.500 Ladestationen praktisch allein betreut. Sein Tag besteht aus Störungsmeldungen, Support-Anrufen, Abrechnungsfragen und dem Anbinden neuer Standorte. Ihm nehmen wir entlang der gesamten Strecke Arbeit ab.
Wie funktioniert innocept mobility ganz konkret? Und welche Vorteile bietet euer Ansatz im Vergleich zu bestehenden Lösungen?
Der Ablauf hat drei Schritte: anbinden, betreiben, verdienen.
Angebunden wird jede Hardware und jeder Standort herstellerunabhängig über den OCPP-Standard – der Betreiber ist also nicht an einen Hardwarehersteller gebunden. Betrieben wird dann alles über OmniCharge: Ladesteuerung, Lastmanagement und Roaming laufen automatisiert. Und am Ende stehen Abrechnung, Stromhandel und Payment, die nahtlos ineinandergreifen. Betreiber und Support-Teams arbeiten im Web-Dashboard, E-Fahrerinnen und -Fahrer über die App.
Der erste Vorteil gegenüber bestehenden Lösungen ist Multi-Use. Klassisch muss man sich entscheiden: Mitarbeiterladen oder öffentliches Laden. Bei uns läuft beides über denselben Ladepunkt. Tagsüber lädt die Belegschaft, abends und am Wochenende der Besucher – gleicher Hardware-Invest, deutlich höhere Auslastung. Und Auslastung ist beim Betreiber die Kennzahl, an der alles hängt.
Der zweite Vorteil ist unsere Kostenstruktur. Wir sind ein AI-First-Unternehmen: KI steckt tief in Entwicklung und Betrieb, nicht als Marketing-Etikett, sondern als Architekturentscheidung. Dadurch können wir etwas anbieten, das früher schlicht nicht darstellbar war – ein sehr hohes Serviceniveau bei einer sehr schlanken Organisation, auch für kleinere Kunden. Wer bei uns anruft, bekommt eine echte Antwort statt eines Tickets in der Warteschlange. Service bedeutete früher Personal; heute geht das anders.
Ihr seid Finalist für das „Frankfurt Forward Startup of the Year 2026“. Was bedeutet das für euch – und wie geht es jetzt weiter?
Zunächst einmal ist es eine schöne Bestätigung für ein Team, das die meiste Zeit sehr kopfüber im Tagesgeschäft steckt. Ladeinfrastruktur-Software ist kein Thema, mit dem man schnell Aufmerksamkeit gewinnt – umso mehr freut es uns, wenn die Relevanz dahinter gesehen wird.
Praktisch ist die Sichtbarkeit in der Region wertvoll.
Wie es weitergeht: Kurzfristig steht die Vertiefung unseres Segments im Vordergrund und die Stabilisierung des neu aufgenommenen Geschäfts in Schweden sowie die Umsetzung der anstehenden Projekte, die uns viel Zeit, Aufwand und hoffentlich weiterhin auch viel Spaß bringen wird. Und natürlich drücken wir uns für das Finale selbst die Daumen.
Wo soll die Reise hingehen? Wo seht ihr euch und innocept mobility in fünf Jahren?
In fünf Jahren wollen wir das führende Multi-Use-CPMS in Europa sein – gemessen daran, dass Betreiber unserer Größenordnung an uns nicht mehr vorbeikommen.
Der Weg dorthin führt bewusst über Tiefe statt Breite. Wir wollen nicht in immer größere Segmente springen, sondern denselben Kundentyp mit denselben Problemen in weiteren Regionen und Ländern gewinnen. Nach Schweden kommen die Niederlande, UK, weitere nordische Märkte.
Was mir persönlich wichtig ist: dass wir dann eine Kundengruppe haben, die uns weiterempfiehlt, weil wir Probleme lösen, die sonst niemand lösen will.
Zum Abschluss: Welche drei Tipps würdet ihr anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?
Erstens: Fokus ist kein Verzicht, sondern der eigentliche Wettbewerbsvorteil. Wir haben lange versucht, auch Kunden zu gewinnen, für die wir strukturell nicht die richtige Wahl sind. Werte systematisch aus, warum du gewinnst und warum du verlierst – und ziehe daraus die unbequeme Konsequenz.
Zweitens: Frag die Kunden, bevor du baust. Wir erheben heute konsequent zuerst den Bedarf und den tatsächlichen Aufwand beim Kunden und schnüren erst danach ein Paket. Das ist unromantisch und spart Monate.
Drittens: Vertrieb ist Prozess, nicht Talent. Verlorene Deals scheitern selten am Produkt. Sie scheitern an Prozessen, Netzwerk und Schnelligkeit. Das lässt sich abstellen – aber nur, wenn man es als Handwerk begreift und nicht als Charaktereigenschaft.
Und wenn ich einen halben vierten anfügen darf: Gutes Sparring ist am Ende vielleicht das wertvollste Werkzeug überhaupt.
Bildcredits innocept mobility GmbH
Wir bedanken uns bei Masih Akbar für das Interview
Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

















