Mittwoch, Juni 3, 2026
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Wer profitiert wirklich von dem, was wir täglich kaufen?

tip me verbindet Trinkgeld und Lieferketten, indem das Startup Konsument direkt mit den Menschen hinter Produkten vernetzt. Bekannt wurde das Konzept zuletzt auch durch den Auftritt in der The Green Deal Show

Wie entstand die Idee zu tip me und was hat euch an klassischen Lieferketten besonders gestört?

Die Idee zu tip me entstand unserem Gründer Jonathan Funke während der Eröffnung des neuen Primark-Stores in Berlin. Dort verteilte er Flyer, auf denen stand: „Nur 1–3 % von dem, was Menschen für ein T-Shirt ausgeben, kommen bei den Menschen an, die es hergestellt haben.“ Er kam mit Menschen ins Gespräch, die in der Schlange standen, um die neuesten Primark-Produkte zu kaufen. Dabei sagte eine Person: „Wenn ich wüsste, dass das Geld auch an die Näher*innen dahinter geht, würde ich auch mehr bezahlen.“ So war die Idee geboren. Denn schon 1€ mehr pro Produkt kann für Menschen am Anfang der Lieferkette einen enormen Unterschied machen.

Uns stört, dass klassische Lieferketten Profit über Menschen stellen. Wir möchten dazu beitragen, Wertschätzung und Solidarität in globale Lieferketten zurückzubringen und einen Beitrag zu globaler Gerechtigkeit und finanzieller Umverteilung leisten.

Wann wurde euch klar, dass Trinkgeld auch in globalen Lieferketten eine Rolle spielen könnte?

Wir wussten von Anfang an, dass tip me gerade in globalen Lieferketten besonders viel Wirkung entfalten kann, weil Einkommen und Lebenshaltungskosten dort deutlich niedriger sind und selbst kleine Beträge einen großen Unterschied machen. Gleichzeitig gilt: Wertschätzung und Trinkgeld hören nicht an Landesgrenzen auf. Es ist für alle Menschen schön, unabhängig davon, wo sie arbeiten und wie viel sie verdienen.

tip me verbindet Konsument direkt mit Produzierenden. Warum ist euch dieser persönliche Ansatz so wichtig?

Wir sind überzeugt, dass Menschen besonders dann gerne Gutes tun, wenn es einfach, direkt und sichtbar ist. Globale Lieferketten sind oft abstrakt und schwer greifbar. Wenn wir die Menschen sichtbar machen, die ein Produkt hergestellt haben, entsteht eine direkte Verbindung von Mensch zu Mensch. Das baut Brücken und schafft eine Beziehung.

Wie reagieren Unternehmen und Kund auf das Konzept von tip me?

Kund freuen sich darüber, Transparenz zu erhalten und zu erfahren, wer ihr Produkt hergestellt hat. Wer sind die Menschen dahinter? Bis zu 40 % der Nutzer geben im Onlineshop ein Trinkgeld, der durchschnittliche Betrag liegt aktuell bei 4,10 €. In vielen Ländern entspricht das bereits einem Tageslohn.

Der Betrag variiert selbstverständlich je nach wirtschaftlicher Lage – doch genau darin liegt die Stärke des Trinkgelds: Jede Person kann selbst entscheiden, welcher Betrag sich gerade richtig anfühlt. Jeder Beitrag, so klein er auch ist, macht einen Unterschied.

Umfragen zeigen zudem, dass Kund Produkte mehr wertschätzen, wenn sie wissen, wer sie hergestellt hat.

Unternehmen können ihre Kund durch Transparenz und greifbare Wirkung inspirieren, statt ausschließlich auf Reporting zu setzen. Zudem haben wir Rückmeldungen aus Fabriken erhalten, dass die Motivation der Arbeiter*innen steigt, was zu geringerer Fluktuation und höherer Produktqualität führt. Auch die Beziehung zwischen Unternehmen und Lieferanten kann durch tip me gestärkt werden.

Eine aktuelle Studie zeigt außerdem, dass Produkte von Kund, die Trinkgeld geben, etwa halb so oft zurückgeschickt werden und sich mehr Produkte verkaufen lassen.

Welche Herausforderungen bringt es mit sich, ein transparentes Trinkgeldsystem international umzusetzen?

Eine Marke hat uns einmal gesagt, dass man für diese Idee unglaublich resilient und hartnäckig sein muss – und das sind wir.

Eine große Herausforderung ist es, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten neue Unternehmenspartner zu gewinnen, die ihre Nachhaltigkeitsbudgets nicht gekürzt oder gestrichen haben und die die Relevanz des Themas erkennen und bereit sind, Ressourcen und Zeit zu investieren. In den letzten Jahren haben wir leider vier zufriedene Partnerschaften durch Insolvenzen oder drohende Insolvenzen verloren.

Weitere Herausforderungen liegen in internationalen Zahlungsstrukturen, insbesondere in bestimmten Ländern, sowie in Fällen, in denen Arbeiter*innen in ländlichen Regionen weder lesen noch schreiben können oder keinen Zugang zu Bankkonten haben. In solchen Situationen finden wir dennoch Lösungen, um das globale Trinkgeld möglich zu machen.

Wie wichtig ist Vertrauen bei eurem Geschäftsmodell und wie schafft ihr Transparenz entlang der Lieferkette?

Vertrauen ist absolut zentral. Deshalb sind wir 2023 auch gemeinnützig geworden. Gleichzeitig wurde uns von Marken gespiegelt, dass mehr Transparenz auch unbequem sein kann, da durch das Trinkgeld direkte Verbindungen zu Arbeiter*innen entstehen.

Arbeiter*innen können sich bei uns melden, wenn es in Fabriken oder Produktionsstätten Probleme gibt. Dadurch entsteht ein zusätzlicher Beschwerdekanal entlang der Lieferkette.

Viele Fast-Fashion-Unternehmen bevorzugen diese Form von Transparenz nicht, da sie auf möglichst niedrige Produktionskosten ausgelegt sind. Offen sind wir aber für alle Unternehmen, die einen Unterschied in ihren Lieferketten machen wollen.

Ihr wart am 29. Mai 2026 in der zweiten Folge von The Green Deal Show zu sehen. Wie habt ihr die Teilnahme erlebt?

Die Teilnahme hat uns sehr viel Spaß gemacht. Das Team war sehr professionell und jederzeit ansprechbar. Es waren tolle Start-ups dabei, und Quintus Studios hat die Produktion hervorragend umgesetzt. Insgesamt ist eine sehr gelungene Show entstanden.

Mit welchen Erwartungen seid ihr damals in The Green Deal Show gegangen?

Im Bereich nachhaltiger Start-ups geht es einerseits um das Team und die Idee selbst, andererseits aber auch um Reichweite. Nur wenn gute Ideen sichtbar werden, können sie sich langfristig im Markt etablieren und wachsen.

Unsere Erwartung war es, mehr Menschen mit der Idee von tip me zu erreichen, neue Partnerschaften zu gewinnen und dadurch mehr Wertschätzung und Einkommen in globale Lieferketten zu bringen.

Gab es nach der Ausstrahlung neue Partnerschaften, Gespräche oder Reaktionen auf tip me?

Wir haben viele Nachrichten und positive Rückmeldungen zur Show erhalten. Außerdem sind wir bislang das einzige Startup, das sich sogar drei Deals sichern konnte. Die Gespräche zur konkreten Ausgestaltung der Partnerschaften laufen bereits: Für Staiy gibt es erste konkrete Ideen, Just Leo hat ein Briefing erhalten und wird darüber berichten, und mit Hamel sprechen wir in dieser Woche.

Wie ging es nach der Sendung für euch weiter und welche Entwicklungen haben sich seitdem ergeben?

Wir befinden uns aktuell noch mitten im Publikumsvoting und sind entsprechend stark mit Kommunikation und Reichweite beschäftigt – es heißt also weiterhin: viel teilen und verbreiten.

Was unterscheidet tip me aus eurer Sicht von anderen Social Impact oder Fair Trade Startups?

Zum einen sind wir als Organisation gemeinnützig und gleichzeitig im Verantwortungseigentum strukturiert. Das bedeutet, dass wir nicht verkauft werden können und dauerhaft unserer Mission verpflichtet bleiben.

Zum anderen gibt es bislang keine vergleichbare Organisation, die das Konzept eines globalen Trinkgelds konsequent entlang der Lieferkette umsetzt und so Menschen am Anfang der Produktion direkt ein zusätzliches Einkommen ermöglicht.

Gleichzeitig gilt: Wir stehen nicht allein. Viele großartige Impact-Startups leisten wichtige Arbeit – und gemeinsam tragen wir zu einem Wandel bei.

Würdet ihr anderen nachhaltigen Startups empfehlen, bei The Green Deal Show teilzunehmen?

Auf jeden Fall.

Welche drei Tipps würdet ihr Gründer geben, die ein Startup mit gesellschaftlichem Mehrwert aufbauen möchten?

Nicht aufgeben.

Die richtigen Menschen um sich herum haben.

Flexibel bleiben.

Bildcredits: Quintus Studios GmbH / Michael Laver, Edit by Clemens Barth

Wir bedanken uns bei Helen Deacon für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

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