Montag, August 10, 2026
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Sisyphos Mac-App: Wie KI den Rohschnitt beschleunigt

Der Rohschnitt kostet Filmemacher und Cutter oft unzählige Stunden. Der Gründer der Sisyphos Mac-App erklärt, wie seine Software Rohmaterial anhand gemessener Signale analysiert, Transparenz bei Auswahlentscheidungen schafft und warum das Tool bewusst ohne Abo-Modell auskommt.

Können Sie Sisyphos kurz vorstellen und erzählen, wie die Idee entstanden ist, den Rohschnitt neu zu denken?

Sisyphos ist eine lokale Mac-App für den Schritt vor dem Schnitt. Sie sichtet Stunden Rohmaterial, findet die brauchbaren Momente und baut daraus einen ersten Rohschnitt, den man in DaVinci Resolve, Final Cut oder Premiere weiterbearbeitet. Zu jeder Auswahl steht da, warum, und zu jedem verworfenen Take auch. Die Idee kam aus der eigenen Arbeit. Ich kam von Drehs mit Stunden Material zurück und musste erst alles einmal durchsehen, bevor ich die erste kreative Entscheidung treffen konnte. Das war der längste und der am schlechtesten bezahlte Tag im ganzen Projekt. Genau diesen Tag nimmt Sisyphos ab.

Wer steht hinter Sisyphos, und welche Erfahrungen haben die Entwicklung der Software geprägt?

Sisyphos entsteht in Wien. Geprägt hat es die Praxis: eigene Drehs, eigene Sichtungstage und die Erfahrung, dass die bestehenden KI-Werkzeuge fast alle über das Transkript arbeiten. Das funktioniert im Interview und versagt bei einer Hochzeit, einem Rennen oder einem Konzert, also genau dort, wo die meiste Sichtungsarbeit anfällt. Daraus wurde die Grundentscheidung, ausschließlich an gemessenen Signalen zu arbeiten: Bewegung, Ton, Takt und Bildausschnitt.

Welche Vision verfolgen Sie mit Sisyphos, und wie möchten Sie die Postproduktion für Kreative langfristig verändern?

Der Rohschnitt soll aufhören, ein verlorener Tag zu sein. Nicht, indem eine Maschine den Film macht, sondern indem sie das Material vorbereitet und ihre Entscheidungen offenlegt. Langfristig soll Sisyphos das Werkzeug sein, das man vor dem eigentlichen Schnitt öffnet: sichten, sortieren, durchsuchen, verstehen. Die Erzählung bleibt beim Menschen. Was verschwindet, ist das stundenlange Durchspulen.

An welche Zielgruppen richtet sich Sisyphos hauptsächlich, und welche Herausforderungen lösen Sie für Filmemacher, Content Creator und Cutter?

Vor allem an alle, die deutlich mehr drehen, als sie verwenden: Hochzeitsfilm, Sport und Event, Imagefilm, Reise und Outdoor, Content-Produktion mit hohem Materialaufkommen. Ein Drehtag füllt Karten für einen Film von wenigen Minuten. Das Problem ist nicht der Schnitt, sondern die Sichtung davor. Sisyphos übernimmt diesen Durchgang und liefert einen ersten Rohschnitt mit Begründungen, statt eines fertigen Videos, das man nur annehmen oder verwerfen kann.

Viele KI-Tools erstellen automatisch fertige Videos. Warum verfolgt Sisyphos bewusst den Ansatz, den Editor zu unterstützen statt ihn zu ersetzen?

Weil die Auswahl der Momente der Film ist. Wer sie abgibt, gibt die Autorenschaft ab. Ein Editor, der einen fertigen Schnitt bekommt und nicht nachvollziehen kann, warum dieser Take gewonnen hat und der daneben nicht, kann das Ergebnis nicht verantworten. Sisyphos macht deshalb die Vorauswahl und legt sie offen. Die Entscheidung, was der Film erzählt, bleibt beim Menschen.

Was macht Sisyphos aus Ihrer Sicht besonders im Vergleich zu anderen KI-gestützten Schnittlösungen?

Drei Dinge. Erstens arbeitet es an gemessenen Signalen statt am Transkript, funktioniert also auch dort, wo niemand spricht. Zweitens begründet es jede Auswahl und jede Ablehnung in normaler Sprache. Drittens läuft die Analyse lokal auf dem eigenen Rechner. Dazu kommt die Wiederholbarkeit: gleiches Material und gleiche Einstellungen ergeben denselben Schnitt.

Ihre Software begründet jede Auswahl und jede Ablehnung eines Clips. Warum war Ihnen diese Transparenz bei der Entwicklung so wichtig?

Weil ein Werkzeug ohne Begründung nicht überprüfbar ist. Man kann ihm glauben oder es ignorieren, mehr nicht. Sisyphos bewertet jeden Moment auf getrennten Skalen, also was passiert, wie es wirkt, wie es fließt und wie es gefilmt ist, und rechnet diese nie zu einer einzigen Zahl zusammen. Gerade der Widerspruch zwischen den Skalen sagt etwas aus. Und die verworfenen Takes bleiben mit ihrem Grund in der Liste. Auf die Frage, warum ein Moment fehlt, gibt es eine Antwort.

Sisyphos analysiert Rohmaterial lokal auf dem Mac. Welche Bedeutung haben Datenschutz und die Kontrolle über das eigene Material für Ihre Nutzer?

Eine sehr große. Hochzeiten, Firmenmaterial, unveröffentlichte Produktionen: Vieles davon darf schlicht nicht auf einen fremden Server. Die gesamte Analyse läuft deshalb auf dem eigenen Rechner, das Rohmaterial verlässt die Maschine nicht. Ein einziger Schritt nutzt KI und schickt dafür Einzelbilder und Messwerte an die Gemini-API, über den eigenen API-Schlüssel des Nutzers.

Sie setzen auf eine Dauerlizenz statt auf ein Abo. Warum haben Sie sich bewusst für dieses Modell entschieden?

Weil derzeit ein regelrechter Abo-Wahnsinn herrscht. Im Kamerakoffer gehört einem alles, das Gehäuse, die Objektive, das Stativ, und ausgerechnet die Software ist gemietet, Monat für Monat, über alle Werkzeuge hinweg. Diesen Weg gehen wir bewusst nicht mit. Sisyphos läuft auf dem eigenen Rechner, also soll es auch dem Nutzer gehören. Einmal zahlen, zwölf Monate Updates inklusive, und die Version läuft danach weiter. Der Preis liegt bei 129 Euro in den ersten zwei Wochen ab Launch und danach bei 189 Euro. Kein Abo, keine Lizenz, die abläuft.

Windows steht bereits auf Ihrer Roadmap. Welche weiteren Funktionen oder Entwicklungen planen Sie für Sisyphos?

Geplant sind eine Transkript-Funktion, mit der man das Material nach Dialog durchsuchen kann, und darüber hinaus eine allgemeine Suche innerhalb des bereits analysierten Materials. Dazu kommen eine native Anbindung an Premiere und Final Cut, aktuell läuft der Weg dorthin über den FCPXML-Export, sowie ein reiner Sortiermodus, der langes Material nur zerlegt und gruppiert, ohne es inhaltlich zu bewerten.

Wo soll Sisyphos in den kommenden Jahren stehen, und welche Rolle möchten Sie im Bereich KI-gestützter Videoproduktion einnehmen?

Ich will nicht das Werkzeug bauen, das Filme macht. Ich will das Werkzeug bauen, das Editoren die Vorarbeit abnimmt und dabei nachvollziehbar bleibt. Ich will dass man als Editor schneller zum kreativen Teil der Arbeit kommt.

Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern geben, die eine spezialisierte Software mit KI entwickeln und erfolgreich am Markt etablieren möchten?

Erstens: Schreiben Sie den Leuten, für die Sie bauen, bevor das Produkt fertig ist. Meine wertvollsten Rückmeldungen kamen von Absagen, nicht von Zustimmung. Zweitens: KI ist ein Bauteil, kein Verkaufsargument. Was zählt, ist das Problem, das verschwindet. Drittens: Machen Sie die Entscheidungen Ihres Systems überprüfbar. Sobald Nutzer nachfragen können, warum etwas passiert ist, entsteht Vertrauen, und ohne dieses Vertrauen wird ein Werkzeug in einer kreativen Arbeit nicht verwendet.

Bildcredits/ Fotograf: Christoph Platzer

Wir bedanken uns bei Christoph Amort für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

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