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Warum Ingenieurinnen wichtig sind für den Wirtschaftsstandort Deutschland
Deutschland als Wirtschaftsstandort steht derzeit vor vielfältigen Herausforderungen, etwa im Bereich Infrastruktur, Wohnungsbau oder Klimaschutz. Viele Unternehmen suchen zudem fortwährend nach geeigneten Fachkräften. Beispielsweise die Baubranche ist überdurchschnittlich stark vom Fachkräftemangel betroffen. Laut dem VDI/IW-Ingenieurmonitor für das dritte Quartal 2023 gibt es besonders im Bereich Bau, Vermessung, Gebäudetechnik und Architektur die größten Fachkräfteengpässe. Auf 100 arbeitssuchende Ingenieurinnen und Ingenieure kommen dort inzwischen mehr als 300 offene Stellen. Angesichts der Personalnot sollte deshalb verstärkt auf das Potenzial von Frauen gesetzt werden.
Frauen fehlen in industriellen Kernbranchen
Die Ursachen für den Personalmangel sind vielfältig. Viele Fachkräfte scheiden in den kommenden Jahren altersbedingt aus dem Berufsleben aus. Gleichzeitig fehlen Nachwuchskräfte, um diese Lücken zu schließen. Frauen in Ingenieur- und Informatikberufen könnten den Mangel abfedern. Aktuelle Zahlen eines Gutachtens des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag des VDI (Verein Deutscher Ingenieure) zeigen deutlich: Würden die Potenziale von Frauen in Ingenieur- und Informatikberufen konsequenter genutzt und bis 2035 zusätzlich 56.100 weibliche Fachkräfte gewonnen werden, könnte das eine zusätzliche Wertschöpfung von rund 7 Milliarden Euro pro Jahr ermöglichen. Viele Ingenieurinnen erleben jedoch immer noch unterschwellige Zweifel an ihrer fachlichen Kompetenz, herablassende Kommentare oder strukturelle Hürden im Berufsalltag.
Einige entscheiden sich deshalb bewusst gegen industrielle Kernbranchen oder verlassen ihren eigentlichen Tätigkeitsbereich und arbeiten häufiger in wissensintensiven Bereichen wie Forschung, Lehre oder Bildung. In industriellen Schlüsselbranchen wie Maschinenbau oder Elektrotechnik sind Ingenieurinnen beispielsweise stark unterrepräsentiert. Im Maschinenbau liegt der Frauenanteil bei 9 %, in der Elektroindustrie bei 9,5 %. Das ist nicht nur ein Problem der Gleichstellung, sondern auch ein wirtschaftlicher Verlust für Deutschland.
Vorteile durch diverse Teams
Frauen bringen nicht nur fachliche Kompetenz mit, sondern häufig auch besondere Stärken in Kommunikation, Organisation und Zusammenarbeit. Gerade in der Baubranche, in der viele unterschiedliche Gewerke, Planer, Bauherren und Behörden zusammenarbeiten müssen, sind Empathie, Konfliktfähigkeit und Teamorientierung entscheidende Erfolgsfaktoren. Auch insgesamt bieten diverse Teams Vorteile. Studien aus verschiedenen Branchen zeigen, dass diese Teams dazu neigen, Entscheidungen kritischer zu hinterfragen und kreative Lösungen zu entwickeln. In der Baubranche kann dies zu innovativeren Planungsansätzen, effizienteren Prozessen und einer höheren Qualität der Projektergebnisse führen. Denn Bauprojekte werden zunehmend komplexer. Themen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Energieeffizienz, urbane Verdichtung oder altersgerechtes Bauen erfordern unterschiedliche Sichtweisen und Kompetenzen.
Rahmenbedingungen für berufstätige Mütter verbessern
Um das Potenzial von Frauen in Ingenieur- und Informatikberufen als Hebel für Wachstum und Innovation in Deutschland zu nutzen, muss sich jedoch strukturell etwas ändern. Respekt und Chancengleichheit könnten mehr Frauen für eine Karriere als Ingenieurin überzeugen. Insbesondere braucht es aber bessere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Im Jahr 2024 hat laut Statistischem Bundesamt fast jede zweite Frau (49 %) in Teilzeit gearbeitet. Dabei lag die Teilzeitquote von erwerbstätigen Müttern höher als bei den erwerbstätigen Frauen insgesamt: 68 % aller Mütter mit Kindern unter 18 Jahren arbeiteten in Teilzeit.
Doch die Ergebnisse einer Studie der Prognos AG im Auftrag des Bundesfamilienministeriums im September 2025 zeigen: Fast die Hälfte der teilzeitbeschäftigten Mütter (45 %) würde ihre Arbeitszeit erhöhen, wenn betriebliche Bedingungen wie Flexibilität, Kommunikation und Karriereperspektiven verbessert würden. Denn oft wird qualifizierten Frauen auch nach der Elternzeit mit Vorbehalten begegnet. Studien belegen sogar, dass sie seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. Stattdessen hängen sie in Jobs fest, für die sie überqualifiziert sind. Flexible Arbeitszeitmodelle, mit denen sich Kinder und Karriere vereinen lassen, sowie gezielte Weiterbildungs- und Re-Skilling-Angebote sind deshalb notwendig.
Vorbilder sichtbar machen, Netzwerke stärken
Gleichzeitig gilt es, mehr Frauen für Führungspositionen zu gewinnen. Laut Statistischem Bundesamt war 2024 nur knapp jede dritte Führungskraft weiblich und dieser Anteil veränderte sich seit 2012, dem Zeitpunkt der Einführung der aktuellen Klassifikation, nur wenig. Sichtbare Vorbilder und starke Netzwerke müssen deshalb stärker im Fokus stehen. Eine Studie der kanadischen Psychologin Penelope Lockwood von der University of Toronto fand beispielsweise heraus, dass gleichgeschlechtliche Vorbilder für Frauen wichtiger sind als für Männer. Die teilnehmenden Probandinnen identifizierten sich mit dem vorgelegten weiblichen Vorbild deutlich stärker als mit dem männlichen Pendant. Gleichzeitig sahen sie dadurch ihre Erfolge auch für sich selbst als realistisch erreichbar an. Mentoring-Programme im technischen Bereich können Frauen etwa zeigen, dass der Weg als Ingenieurin nicht nur möglich, sondern auch erfüllend und zukunftsrelevant ist.
Bildquelle mayer bährle Geschäftsführerin Melanie Waldmann
Autor Melanie Waldmann
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